Gesunde Trainerskepsis

Seit Bestehen dieses Blogs, also seit knapp 6 Jahren, war ich mir selten sicher bei einem Trainer.

Labbadia

Bruno Labbadia war chronologisch die Nummer 1 hier. Damals befand er sich auf Augenhöhe mit Jürgen Klopp, der gerade beim BVB angefangen hatte. Ein schönes Interview von den beiden gibt es hier.
Meine damalige Skepsis konnte man bei Nedsblog nach Labbadias Entlassung lesen.

Ein jüngerer, unerfahrener Zweitligatrainer in Leverkusen – ob das gut geht? Und warum jemand aus der zweiten Liga? Das hatte es in Leverkusen zuvor noch nicht gegeben, aber die Verantwortlichen schienen überzeugt gewesen zu sein. Es gab Sprüche, wie “Siegergen einimpfen”, “ich weiß, was es heißt Meister zu werden”, etc. Das hört man natürlich erst mal gern und schöpft ein wenig Hoffnung, aber eine gewisse Grundskepsis war da. Zudem gab es Äußerungen, die ein wenig nach Langeweile klangen, wie “Chancen realistisch einschätzen und irgendwo zwischen Platz 4 und Platz 8 landen”, dass ist dann wiederum nicht das, was man hören möchte

Nach Skibbe kam jemand der etwas mehr Außenwirkung haben sollte. Jemand mit Konzept und Plan für einen Umbruch. An diesem Umbruch und einigen anderen Dingen scheiterte er letzlich. Trotz Herbstmeisterschaft. Trotz DFB-Pokalfinale. Eine Saison aus der man wesentlich mehr hätte herausholen können.

Heynckes

Dann kam mein Favorit. Jupp Heynckes. Von den Bayern kurzfristig aus dem Ruhestand geholt, da das Projekt Klinsmann gescheitert war. Heynckes hatte nicht nur Lust auf nur 5 Spiele bei den Bayern, sondern auf zwei Spielzeiten bei Bayer.

Er hat alles, oder besser gesagt vieles erreicht. Er müsste sich das nicht antun, aber er will. Er scheint Spaß bekommen zu haben, mit jungen Leuten zu arbeiten, sie zu führen und ihnen taktische Ordnung beizubringen.
Das sind Argumente für Heynckes, denn daran mangelte es Leverkusen fast über die gesamte Saison. Mit noch weiteren Verpflichtungen im Endzwanziger-Bereich, könnte die Werkself eine schlagkräftige Truppe versammeln, die nicht nur schön spielt, sondern auch eine gewisse Konstanz an den Tag legt und eine Saison vernünftig zu Ende bringt. Kein auseinanderbrechendes, hadernes Team, dass den Trainer hasst. Solche Zustände kann ich mir bei Heynckes nicht vorstellen.

Heynckes hatte Erfahrung, wusste mit schwierigen Charakteren umzugehen und führte die Mannschaft zu Platz 4 und 2. Aber auch er schaffte es nicht, die Mannschaft zu einer Meisterschaft zu führen. Misstöne in den letzten Monaten seiner Karriere bei Bayer plus das lange Hinhalten in Sachen Vertrag verärgerten den ein oder anderen in Leverkusen. Schließlich ging er zu den Bayern, wo er zwei Jahre später seine Karriere mit dem Triple krönte.

Dutt

Es folgte Robin Dutt. Der Konzepttrainer. Meine Hoffnung war, dass er Bayer spielerisch voran bringen würde. Leider scheiterte er am Menschlichen. Selten brachte ein Trainer den Verein samt Fans, Mannschaft und Verantwortlichen so gegen sich auf, wie Dutt. Als Hurensohn wurde er im Stadion beschimpft. Es war alles andere als schön. Es erinnerte ein wenig an Labbadia.

Jetzt ist er weg. Der Konzepttrainer. Die Zukunft von Bayer Leverkusen. Überhäuft mit Vorschusslorbeeren, bleibt nun ein bitterer Nachgeschmack. Nicht weil Robin Dutt sich falsch verhalten hätte, sondern weil das Tagesgeschäft Bundesliga wieder mal ein Opfer gefunden hat. Das Opfer war Robin Dutt. Zuletzt ein Spielball des Vorstands, der Spieler, der Medien und der Fans. Er hätte vermutlich noch die Champions League erreichen können und doch hätten alle noch etwas zu bemängeln gehabt. Man hätte nach Dresden, dem Derby, Barcelona oder Michael Ballack gefragt.*

Lewandowski & Hyypiä

Er war der sechste Trainer in siebeneinhalb Jahren und nun kommen zwei Neue, die kein leichtes Erbe antreten. Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski, von denen man nur weiß, dass der eine unter Legende im englischen Fußballalmanach zu finden ist und der andere einen Trainerschein hat. Talent sollen auch andere gehabt haben und sind in Leverkusen gescheitert.*

Die beiden machten ihre Sache gut. Man konnte nicht allzu viel erwarten, doch die beiden übertrafen quasi jede Erwartung. Erst Rang 5 auf der Baustelle Dutt und dann Rang 3 in ihrer ersten und einzigen kompletten gemeinsamen Saison. Lediglich Lewandowskis Rückkehr in den Jugendbereich verwunderte etwas.

Hyypiä

Die Zweifel waren da und wurden am Ende bestätigt. Mehr dazu im vorherigen Text.

Lewandowski

Lewandowski erweckte ein totes Team, so formulierte es Bernd Leno am letzten Wochenende. 2:2 spielte man daheim gegen den BVB und erstmals seit langer Zeit, fand die Mannschaft wieder spielerische Möglichkeiten. Ich frage mich immer noch, warum die Mannschaft tot war und warum jemand wie Lewandowski sie wiederbeleben kann. Dabei zweifele ich nicht an Lewandowskis Fähigkeiten, sondern an der Einstellung der Mannschaft. Es wird ein Geheimnis bleiben.

Schmidt

Der Neue. Es erinnert mal wieder an Labbadia und Dutt. Aufstrebender jüngerer Trainer, der nach Leverkusen kommt. Ob das passt? Ich bin äußerst skeptisch. Die letzten Jahre ließen vermuten, dass in Leverkusen entweder nur Leute bestehen, die den Verein mitsamt Strukturen schon lange kennen oder die alt und erfahren sind und sich nicht mehr jeden Scheiß von Chefetage, Mannschaft und Publikum erzählen lassen. 6 Trainerwechsel in 6 Jahren sprechen nicht gerade dafür, dass man bei Bayer ein glückliches Händchen mit Trainern hat. Wichtig für ihn wird wohl sein, sowohl mit den Verantwortlichen bei Leverkusen klar zu kommen, als auch das immer schwierige Verhältnis zur Mannschaft zu managen. Sowohl bei Labbadia, als auch bei Dutt und nun vielleicht auch bei Hyypiä spielte die Mannschaft am Ende gegen den Trainer und präsentierte sich als launische Diva trotz großen Potenzials. Traurig.

Tag der Abrechnung

Es ist wieder passiert. Ein Trainer muss gehen. Leverkusen ist da nicht anders als Hamburg, Stuttgart oder Nürnberg. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wird nicht auf Kontinuität und Vertrauen gesetzt, sondern auf den schnellen Erfolg des neuen Besens. Sami Hyypiä geht, sein ehemaliger Kompagnon Sascha Lewandowski ersetzt.

Vor zwei Jahren sprangen eben diese beiden Männer für Robin Dutt ein. Damals war es eine Erlösung – für Mannschaft, Publikum und letztlich auch für die Verantwortlichen, denn mit dem neuen Trainergespann stimmten auch die Ergebnisse wieder. Platz 5 wurde gesichert und damit das so wichtige Ticket für Europa gelöst. Die beiden Trainer machten gemeinsam eine gute Saison und schlossen mit Rang 3 ab.

Die Resultate stimmten zwar, aber im Trainerteam schien irgendetwas nicht zu passen. Lewandowski war die Bühne Bundesliga angeblich zu groß, er bat um die Rückkehr in den Jugendbereich, Hyypiä übernahm die alleinige Regie zur aktuellen Spielzeit. Die Skeptiker waren schon vorher da. Kann dieser Mann eine nicht immer leichte Mannschaft führen? Hat er das Rüstzeug um die passende Taktik für den entsprechenden Kontrahenten auszuwählen? Kann er das Team motivieren?

Es schien so, denn Hyypiä stürmte mit seiner Mannschaft durch die Vorrunde. Sogar punktetechnisch fast auf Augenhöhe mit den Bayern. Die Medien rieben sich die Augen, die Fans jubelten. Doch zu Beginn des Winters mehrten sich die Probleme. Verletzte. Formschwache Spieler. Eine Taktik, die inzwischen jeder Gegner kannte. Kein Plan B. Keine Lösungen gegen abwehrstarke Mannschaften. Hyypiä werkelte hier und da. Sein Wille war da. Ganz offensichtlich. Doch es wurde nicht besser. Am Ende musste Hyypiä gehen.

Die Zäsur war sicherlich die nicht schlechteste Entscheidung.

Dennoch war ich persönlich von der Mannschaft enttäuscht. So lustlose und enttäuschende Auftritte grenzen an Arbeitsverweigerung, dabei hat man eine große Chance vertan. Mit entsprechendem Willen und Einsatz hätte man eine Krise zusammen mit seinem Trainer überwinden können. Man hätte wachsen können. Die Gegner waren definitiv schlagbar. Was sagt das nun der Mannschaft? Wenn es mal nicht läuft, lassen wir uns einfach hängen und der neue Trainer macht das schon? Was hat man für einen Erfahrungswert verpasst? Das man in der Krise zusammensteht und sie gemeinsam überwindet. Das man durchaus in der Lage ist, Täler zu durchschreiten und gemeinsam den Gipfel erreichen kann. Wenn alle an einem Strang ziehen.

Das habe ich nicht gesehen in Leverkusen. Und die Verantwortlichen haben dies sicherlich noch gepusht, in dem man den Trainer in den Mittelpunkt des Scheiterns gesetzt hat. Rechtfertigt die Champions-League-Qualifikation all das? Bringt die Gruppenphase so viel Geld, dass man ruhigen Gewissens im Achtelfinale gegen ein „Überteam“ ausscheiden darf?

Und was macht man mit dem Geld? Man hat Erwartungen in Leverkusen von der großen Bühne. Man erinnert sich an alte Zeiten. Glasgow. Klar auch Unterhaching. Aber man war wer. Aber dieser „wer“ ist man nicht mehr. Man muss sich der Realität stellen, dass man nur ein gutes Team, hinter den deutschen Topteams aus Dortmund und München ist. Die in einer anderen Liga spielen. Finanziell und auch sportlich.

Will man in Leverkusen tatsächlich in diesem Konzert mitspielen, muss man etwas Grundsätzliches ändern. Nicht, dass ich wüsste was das ist. Aber so wie es derzeitig läuft, wird Bayer nie die Liga gewinnen, wohl auch nicht mehr den DFB-Pokal und erst recht nicht irgendeinen europäischen Pokal.

Wenn Spieler unter der Saison lieber ihre Wechsel zu anderen Vereinen verkünden, als für Leverkusen zu spielen. Wenn Spieler in einem Spiel gegen Kaiserslautern nicht die unglaublich große Chance sehen, sich wenigstens auf der großen Bühne Deutschlands zu präsentieren. Wenn man sich gegen Manchester und Paris abschlachten lässt und damit sogar noch einigermaßen zufrieden ist, läuft irgendwo was ganz gewaltig schief. Und das liegt halt nicht nur an Sami Hyypiä.

Am Samstag spielt man gegen Dortmund. Wie man sich am eigenen Schopfe aus einer Krise spielen kann, hat man beim BVB gesehen. Und die haben sicherlich nicht nur Zauberfußball gespielt, sondern zum richtigen Zeitpunkt die Eier in die Hand genommen und sich die Seele aus dem Leib gerannt. Weil sie es wollten. Und sie haben mal eben das DFB-Pokal-Finale erreicht, Real geschlagen, Bayern geschlagen.

Bei Bayer geht die Tendenz nach oben. Immerhin zwei Siege, aber spielerisch war das noch weit entfernt von großes Tennis. Will man Dortmund schlagen, kommt es aber halt nicht auf spielerisches an, sondern eben auch auf andere Tugenden. Ob sich in der Hinsicht etwas getan hat, wird man am Samstag sehen. Ich bin vorerst skeptisch.

Winterpause

In aller Kürze.

  • Ein frohes neues Jahr 2014
  • Bayer ist immer noch nicht Meister geworden
  • Bayer hat seit Jahren keinen Titel geholt
  • Bayer ist wieder auf dem Weg Zweiter zu werden
  • Das müsste ich hier niemanden erzählen, denn schließlich wird einem das ja ständig unter die Nase gerieben

Natürlich wird hier auch in 2014 weiter gebloggt. Natürlich unregelmäßig, wie zuletzt auch schon. Generell ödet mich die Berichterstattung rund um den Fußball derzeit etwas an, was mit der Effekthascherei der Medien und der Weichgespültheit der Interviews und Berichte zusammenhängt. Nur alle Nase lang, bekommt man eine wirklich schöne und authentische Geschichte zu hören.

In Leverkusen herrschen die üblichen Themen vor. Erster hinter den Bayern. Wieder nur auf dem Weg Zweiter zu werden. Lässt man sich wieder in der Champions League massakrieren? Warum spielt Kießling nicht in der Nationalelf und ist die Komfortzone in Leverkusen einfach zu groß? Auch da fehlt die große Überraschung. Die bietet weder die Presse, noch die Mannschaft. Gerade wenn man denkt “Ui, weshalb ist die Werkself so knapp hinter den Bayern”, kommen die üblichen unnötigen Pleiten.

Je nach Jobentwicklung, würd ich gerne in 2014 ein größeres Langzeitprojekt starten. Mehr dazu dann in 3–4 Wochen, dann weiß ich wie die Jahresplanung aussieht.

Danke übrigens auch an die fleißigen Buchleser -und Käufer. Es gab spannende Reaktionen, die erst einmal aufzeigen, was es bedeutet etwas zu publizieren.

Das geht von Lob, über Kritik an sachlichen und sprachlichen Fehler, bis zu “Vorwürfen”, dass ich ja gar kein richtiger Fan bin.

Gastauftritt

Der Kamke ruft, alle kommen. Da ich am Reim ungefähr gar nichts kann, versuche ich mit optischen Spielereien abzulenken. “5 Zeilen, die der Fußball schrieb” war die Vorgabe für Kamkes Adventskalender – thematisch sollten diese Zeilen einen potenziellen WM-Kandidaten umschreiben. Na klar – es wurde ein Leverkusener.

Des Kamkes Zusammenfassung seines Adventskalender ist darüber hinaus sehr lesenswert.

Stand der Dinge (Bayer, Buch und mehr)

 

Am Samstag steht ein weiteres wichtiges Spiel für die Leverkusener an. Nach dem DFB-Pokal-Sieg gegen Freiburg am Mittwoch, steht nun das Match um den Vizetitel an. Der BVB erwartet die Werkself und traditionell sehen die Leverkusener in solchen Spielen eher schlecht aus. Wenn es (wirklich) um was geht, dann erkennt man die Ergebnisfußballer der letzten Wochen nicht wieder.

Eiskalt fuhr man zuletzt zwar Sieg um Sieg ein (auch wenn man nicht immer traumhaft spielte), um dann beispielsweise gegen Manchester sang- und klanglos unterzugehen. Deshalb ist noch lange nicht alles schlecht bei Bayer. Ganz und gar nicht. Aber eine gewisse Skepsis vor dem Spiel gegen Dortmund ist dann auch nicht so verwunderlich. Auch gegen Real Sociedad in der nächsten Woche fragt man sich, was die Leverkusener wirklich im Stande sind zu leisten.

Sollte man gegen die Spanier gewinnen, ist dann die Champions League überhaupt das richtige Pflaster? Wo man doch scheinbar nicht wettbewerbsfähig ist? Warum nicht Europa League spielen um eine größere Chance auf einen Pokal zu haben? Mal ketzerisch gefragt.

Buch:

Die “111 Gründe, Bayer 04 Leverkusen zu lieben” sind seit einiger Zeit im Buchhandel erhältlich. Es gab erste positive Rückmeldungen (aber auch Hinweise über Fehler) – insgesamt war die Resonanz doch größer als ich zunächst dachte.

Rezensionen und Texte gibt es hier:

von1904.de

11 Sätze zum Spiel

Interview mit Radio Leverkusen

Coke Fanreporter:

Alle Nase lang wird man mal angesprochen, etwas für ein Unternehmen zu machen. Coca Cola sucht derzeit den Coke-Fanreporter für die WM 2014. Vor zwei Wochen gab es einen wunderbaren Workshop in Berlin, an dem ich teilnehmen durfte. Mit Benjamin Kuhlhoff, Manni Breuckmann und Frank Buschmann sowie diversen Bloggern konnte man sich einerseits übers bloggen austauschen und darüber hinaus Ideen entwickeln, was so ein Coke Fanreporter dann nächstes Jahr so macht. Wer dieser Fanreporter nun wird und was er macht steht noch aus. So lange gibt es ein Impressionsvideo vom Wochenende in Berlin. Mehr Infos sonst noch hier.

»Wetten sind die größere Gefahr für den modernen Fußball« – Ronnie Reng im Gespräch

Ronald Reng ist spätestens seit dem »Traumhüter« jedem bibliophilen Fußballfan ein Begriff. Seit dem häuft er für jedes neue Werk massenhaft Preise an. Der breiten Masse wurde er durch die Robert-Enke-Biografie »Ein allzu kurzes Leben« bekannt, in der er nur ein Jahr nach des Torhüters viel zu frühem Ableben, dessen Karriere und seinen Kampf mit Depressionen beschreibt. Seit Juli ist seine Bundesliga-Chronik »Spieltage. Eine andere Geschichte der Bundesliga« auf dem Markt. Darin beschreibt Reng 50 Jahre Bundesliga am Spieler und Trainer Heinz Höher.

Die Nation feierte jüngst das 50-jährige Jubiläum der besten Liga der Welt. Die Bundesliga war passend dazu mit zwei Teams im Champions-League-Finale vertreten, Starspieler reißen sich um Verträge in der Liga und der Wundertrainer Pep Guardiola coacht nun den FC Bayern München. Ist der Hype berechtigt?

Ich weiß nicht, ob sie nun in Senegal oder Burma tatsächlich darauf warten, dass es Samstag, 15.30 Uhr, wird, um VfL Wolfsburg gegen VfB Stuttgart zu schauen. Aber der Fußball in der Bundesliga hat unverkennbar einen enormen Qualitätssprung gemacht. Vielleicht habe ich nicht die richtigen Kritierien, weil ich vor 17 Jahren aus Deutschland wegzog und erst seit einem Jahr wieder da bin, aber gemessen an dem letzten, was ich vor meiner Emigration 1996 sah, nämlich Eintracht Frankfurt unter Trainer Horst Ehrmantraut, ist der heutige Bundesliga doch ein klein wenig schneller, präziser und unterhaltsamer geworden. Da darf sich die Bundesliga schon mal feiern, und natürlich muss dann auch richtig übertrieben werden mit Ausdrücken wie »beste Liga«, »Starspieler«, »Wundertrainer«. Denn Feiern ist immer mit Übertreibung verbunden, oder hast Du schon mal in aller Bescheidenheit gefeiert?

Ich bin mir sicher, dass sich selbst Uli Hoeneß ab und an abends eine Flasche Schampus aufmacht und seinen Verein ganz still und leise feiert – wobei er im Moment wohl eher wenig Grund zur Freude hat. Glaubst du, dass diese prägende Figur Hoeneß vom hohen Sockel fällt und die Bundesliga verlässt?

Ich finde Hoeneß‘ menschliche Widersprüchlichkeit höchst faszinierend: Einerseits den Moralapostel der Nation spielen, andererseits selbst offenbar Steuern im großen Stil hinterziehen. Aber über Hoeneß quatschen sowieso schon viel zu viele Leute, da muss ich gewiss nicht auch noch anfangen. Ein Richter wird über ihn richten, und das ist auch gut so.

Auch Heinz Höher, Protagonist deines neuesten Werks »Spieltage – die andere Geschichte der Bundesliga« hat eben diese auf seine eigene Art geprägt. Wie kam es zu dieser alternativen Bundesliga-Chronik?

Er stand irgendwann in Barcelona vor meiner Wohnungstür, weil er meine Robert-Enke-Biographie gelesen hatte. Er betreut auch mit 75 als sportlicher Ziehvater den Profifußballer Juri Judt und fürchtete damals, vor zwei Jahren, Juri könnte wie Robi Enke an Depressionen leiden. Deshalb erhoffte er sich Rat von mir. So haben wir angefangen zu reden. Irgendwann hatte Herr Höher mir sein Leben erzählt: Kleinstadt-Star als Kapitän von Bayer 04 Leverkusen um 1960, später 20 Jahre Bundesligatrainer, hochintelligent und wortkarg, Fußballvisionär und Alkoholiker. Da kam mir der Gedanke: Mensch, wie wäre es, 50 Jahre Bundesliga am Leben eines Mannes, eines vermeintlich ganz normalem Bundesligaspielers und –trainers zu erzählen? Juri Judt hatte damals übrigens keine Depressionen. Er hatte nur keinen Bock auf Fußball, weil er beim 1. FC Nürnberg auf der Ersatzbank saß.

Höher erscheint im Buch als tragische Figur. Oft verkannt und missverstanden, mit vielen neuen Ideen, ein akribischer Arbeiter, aber verschlossen und menschlich nicht massenkompatibel. Was fehlte letztlich zur großen Trainerkarriere?

Er hatte schon eine mehr als ordentliche Trainerkarriere, Chef in gut 400 Bundesligaspielen bei Bochum, Duisburg, Düsseldorf, Nürnberg. Aber es stimmt, als junger Trainer in der Bundesliga war er einmal der Mann der Zukunft, und den Sprung zu den ganz großen Vereinen hat er nie gemacht. Ich glaube, ein Hauptgrund war ein ganz sympathischer: Er war ein bisschen bequem. Sehr schnell war er zufrieden mit dem, was er hatte, König von Bochum, Held in Nürnberg. Er bemühte sich nicht, unbedingt weiterzukommen. Schon alleine diese Umzüge, die bei Vereinswechseln nötig waren – wie er Umzüge hasste! Einmal ordnete er ein Trainingslager vor einem Freundschaftsspiel an, um sich so vor dem eigenen Umzug zu drücken. Seine Frau und Freunde musste dann die Möbel ohne ihn schleppen.

Höher packt einige für ihn sicherlich dunkle Kapitel aus seinem Leben aus. Spiel- und Alkoholsucht, aber auch der imaginäre Gesprächspartner Winzlinger sind Geschichten, die man nicht mal eben erzählt. Wie gehst du als Autor mit solch sensiblen Themen im Gespräch mit den Protagonisten um?

Heinz Höher ist 75, dieses Buch war auch eine Art Bilanz zu ziehen für ihn. Von daher hatte er kein Bedürfnis, Sachen zu verschweigen; im Gegenteil, er sah dieses Buch als Chance, bei seiner Familie und vielen Freunden durch schonungslose Offenheit Abbitte zu leistend für so manchen Fehltritt. Ich denke und hoffe: Wenn Du als Autor mit viel Empathie für den Protagonisten schreibst, kannst du auch seine Schattenseiten zeigen, ohne ihn bloß zu stellen.

Welche Geschichte in 50 Jahren Bundesliga hat dich wirklich überrascht?

Dass der Meidericher SV in gewisser Weise das Vorbild des heutigen, legendären FC Barcelona war: Wie heute Barca, holte Meiderich zu Bundesligabeginn 1963 seine Spieler fast ausschließlich aus der eigenen Jugendelf, gut 15 der 20 Profis kamen aus Mittel- oder Ober-Meiderich. Wo Barca das berühmten Jugendleistungszentrum La Masia vorweist, hatte der MSV allerdings nur den Wirt der Vereinsgaststätte. Der trainierte die A-Jugend.

Das Kapitel über den Bundesliga-Skandal fand ich persönlich besonders spannend, weil er vor meiner Zeit passierte und zeigt wie die Bundesliga mit kritischen Ereignissen damals umging. Welche kritischen Themen erwartet die Liga in den nächsten Jahren? Doping? Wettskandale? Und wie würde die DFL und der DFB reagieren?

Wetten sind die größere Gefahr für den modernen Fußball als Doping. Doping kommt natürlich auch im Fußball seit eh und je vor, allerdings nach meinen Recherchen in keinster Weise so flächendeckend oder systematisch wie in reinen Ausdauer- und Kraftsportarten. Das läuft im deutschen Fußball wohl eher auf der Ebene ab, dass hier und dort ein einzelner Fußballer einen Arzt kennt, der ihm zeigt, wie er die Regenerationszeit zwischen den Spielen verringern könnte. Aber einen Teamarzt, der die gesamte Mannschaft nach einem Dopingplan versorgt, gibt es nach meinen Wissen – das auf aufrichtige Privatgespräche mit etlichen Profis fußt – in der Bundesliga wohl nicht. Die Wettmanipulation dagegen ist so heikel, weil die Gauner zum Teil in irgendwelchen asiatischen Hinterzimmern sitzen, ihr Geld in illegalen Wettbüros setzen, und also auch nicht vom Frühwarnsystem der offiziellen Wettbüros erfasst werden. Und es braucht nur einen Abwehrspieler, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt, ein Stürmer, der in schlechten Kreisen verkehrt, um ein Spiel zu manipulieren.

Bist du an irgendeiner Stelle deiner Recherchen auf verschlossene Türen gestoßen?

Nein – ach, doch! Bei der Bayer AG! Ich wollte wissen, was ein Chemie-Ingenieur bei Bayer 1960 verdiente, um das damalige Fußballergehalt von Heinz Höher von 2000 Mark im Monat einordnen zu können. Und die Presseabteilung von Bayer verweigerte mir tatsächlich die Auskunft. Da sieht man mal, wie paranoid Presseabteilungen heutzutage sind. Ich weiß nicht, was sie befürchteten; dass ich irgendeinen Pseudo-Skandal lostreten wollte, »Bayer 04 zahlte Fußballern zu viel!«, oder so. Na ja, ich habe dann einfach meinen Vater gefragt: Der war auch Chemie-Ingenieur, zwar bei Hoechst, aber ich gehe davon aus, dass die Gehälter bei Hoechst und Bayer vergleichbar waren.

Dein Buch beschreibt auf wunderbare Art und Weise den Wandel der Medien und deren Aufbereitung der Liga. Michel Massing (The Next Bryk Thing) beschreibt den heutigen Zustand als O-Ton-Manie der Zunft. Siehst du das ähnlich und was hat sich positiv, deiner Meinung nach, verändert?

Die Sucht nach Fußballer-Zitaten ist in der Tat exzessiv, nicht nur im Fernsehen, auch in den Zeitungen: Ständig gibt es ganzseitige Interviews; vergleichbare lange Reportagen aber gibt es in den Sportteilen nie mehr. Warum räumen die Sportredakteure dem Wort der Fußballer so viel Raum ein? Sollten wir, die Schreiber, den Sport mit Worten nicht besser erklären können als die Sportler?

Das Aktuelle Sportstudio zeiht sich als roter Faden durch dein Werk. Kann die Sendung noch mit der Liga mithalten, was die Modernität angeht?

Das größte Problem des Aktuellen Sportstudios ist, dass es im Internetzeitalter auf dem Sendeplatz um 23 Uhr nicht mehr aktuell sein kann, aber per Vertrag mit der DFL noch einmal alle Bundesligaspiele zeigen muss, die alle schon längst auf Sky oder in der Sportschau gesehen haben. Das nimmt der Sendung von vorneherein die Chance, ein echtes, ein besonderes Hintergrundprogramm zu werden.

Du hast es gesagt, du warst 17 Jahre in Spanien, spielen die Medien dort ähnlich?

In Spanien gibt es den Aufregungsjournalismus noch einmal in anderen Dimensionen: Jeden Tag vier Sportzeitungen und im Fernsehen etliche Fußballtalkshows sorgen dafür, dass die journalistische Hysterie nie abnimmt. Da ist etwa Leo Messi nach zwei Spielen ohne Tor erloschen, fertig, dem Karriereende nahe, und nach dem nächsten Wundertor schon wieder der beste aller Zeit. Aber – vielleicht weil solch extremer Journalismus Gegenextreme provoziert – es gibt in Spanien auch die beste Fernseh-Sportsendung Europas: Informe Robinson, mit tiefgehenden Hintergrundstücken.

Zeit für unangenehme Fragen. Deine Werke erhalten inzwischen in schöner Regelmäßigkeit große Preise. Erst gestern wurde dir der NDR Kultur Sachbuchpreis verliehen. Welche Bedeutung haben solche Auszeichnungen?

Der NDR Kultur Preis für das beste Sachbuch des Jahres war schon ein Schocker: unter rund 50.000 Sachbüchern, die dieses Jahr wieder in Deutschland erscheinen, von all diesen klugen, intellektuellen, hochkulturellen Jury-Mitgliedern für ein Fußballbuch ausgezeichnet zu werden, war ja, na ja, nicht gerade zu erwarten. Man kann es allerdings auch so sehen: Nach diesem Preis kann es für mich als Schreiber nur noch bergab gehen.

Ronnie Reng wird am Donnerstag, den 14. November im Stadioneck in Leverkusen aus seinem Buch lesen. Tickets gibts hier.

Phantomtor-Betrachtungen

Ich hätte mir gewünscht, dass Stefan Kießling nach seinem Phantom-Tor einfach gesagt hätte, dass der Ball nicht drin war. Er wäre damit ein würdiger Nachfolger von Arne Larsen Ökland geworden, der einst ein ähnliches “Nicht-Tor” gegen die Bayern erzielte und danach den Schiedsrichter darauf aufmerksam machte (nachzulesen in diesem Machwerk, welches hoffentlich in den nächsten 2–3 Wochen erhältlich sein sollte). Leverkusen hätte weiter 1:0 geführt und vermutlich dennoch gewonnen. Bayer wäre für einige Stunden Tabellenführer gewesen und alle hätte ein wenig bewundernd nach Leverkusen geschaut, weil die Werkself immer noch oben mithält und auch solche eher durchschnittlichen Spiele gegen Hoffenheim gewinnt. Abgeklärt und souverän. Nun – es kam anders.

Vorne weg. Niemand, außer den betroffenen Personen weiß, was sie wirklich gesehen haben. Das Fernsehen schenkt uns Indizien, die uns jedoch keine absolute Gewissheit geben. Ich würde mir nie anmaßen aufgrund dieser Indizien über Menschen zu urteilen.

Nun kann man sagen, dass sich der Bayer-Fan da schön aus der Affäre zieht. Kann man und da habe ich kein Problem mit.

Ich hatte mir ja zu Beginn des Textes gewünscht, dass Stefan Kießling einfach hätte sagen sollen, dass der Ball nicht drin war. Leider gab es einige Punkte, die ihm das erschwert haben. Ich bin mir sicher, dass er gesehen hat, dass der Ball nicht drin war. Er dreht sich ab, rauft sich die Haare und plötzlich kommen alle Mitspieler zu ihm und gratulieren (deren Rolle lasse ich vorerst mal außen vor). Was tun? Ich hab doch gesehen, dass er daneben war? War er vielleicht doch im Tor? Hab ich mich getäuscht? Kein absolut abwegiger Gedanke, wenn man die Worte von Andreas Beck nach dem Spiel zu Hilfe nimmt. Der dachte genau das. Der war doch daneben, doch dann zappelt er im Netz. Na gut, dann habe ich mich eben verguckt.

Befindet man sich nun in dieser Phase, dass man Zweifel hat, wird man wohl kaum darauf kommen zum Schiedsrichter zu gehen und bitten das Tor annulieren zu lassen.

Nun zu den Mitspielern. Auch Reinartz dreht sich zunächst ab und ärgert sich. Auch Sam hebt die Arme um sich an den Kopf zu fassen, während Rolfes schon zum Ball läuft und ihn jubelnd noch mal ins Tor drischt. Wer von diesen Spieler hat nun mit Gewissheit gesehen, dass der Ball nicht drin war? Sam? Reinartz? Spekulation. Es hat bestimmt einer gesehen.

Nach der Szene ist Kießling beim Schiedsrichter und scheint nachzufragen, ob der Ball wirklich drin war. Da auch von Hoffenheimer Seite relativ wenig Proteste kamen und auch Brych und sein Team nichts gegenteiliges entdeckt hatten, entschied man sich fürs Tor. Fälschlicherweise.

Vielleicht hat das Ganze auch etwas Gutes. VIelleicht wird doch noch mal die Geschichte mit dem Hawkeye diskutiert. So ganz selten kommen diese Fehlentscheidungen ja nun doch nicht vor. Es wäre ein Piepen am Handgelenk, dass solche Aufreger vermeidet. Und natürlich lebt der Fußball von Aufregern, aber sicherlich nicht von Fehlentscheidungen.

Mein größtes Kompliment und Beileid gilt den Hoffenheimern, die nach der Partie sehr souverän reagiert haben. Allen voran Markus Gisdol. Bei den Reaktionen der Leverkusener bleiben Fragezeichen.