Interview mit Birgit Schönau (Autorin SZ, Zeit)

Frau Schönau, dem gewieften Sportteilleser sind sie aus der Süddeutschen Zeitung und aus der Zeit als Expertin für italienischen Fußball bekannt, sie sind aber auch als Buchautorin aktiv, besuchen gerne die Stadien, sind “nebenbei” Ehefrau und Mutter von zwei Kindern und beackern, wie man jüngst ihrem Blog entnehmen konnte, den heimischen Gemüsegarten. Habe ich noch irgendetwas wichtiges vergessen, was den Leser interessieren könnte?

Vermutlich nichts, was den Leser interessiert. Ich arbeite als Sportreporterin für die SZ und als Politik-Korrespondentin für die ZEIT. Und dann habe ich ein Privatleben. Mutter oder gar Ehefrau  – das ist ja nun kein Beruf oder? Also jedenfalls nicht in Italien…

Und, nur so mal nachgehakt – geht die gleiche Frage denn auch an männliche Kollegen?

Natürlich. Ohne die Klärung der Familienverhältnisse kommt hier niemand davon. Ich gebe zu, ein schrecklicher Faux-Pas meinerseits, der sich durch die Internet-Recherche aufgedrängt hatte. Ich wollte eigentlich überhaupt nicht über Frauen und Fußball reden, aber leider wird speziell in jedem zweiten Text erwähnt, dass Sie ja eine Frau sind. Ich hatte mich auf angeregte Gespräche mit einer Fußballexpertin gefreut. Ich hoffe, dass das ok für sie ist.

Darf ich erzählen, dass die Frage: Wie kommen Sie eigentlich als Frau zum Fußball? immer nur von dabei etwas verdrucksten deutschen Kollegen gestellt wird? Nie von Italienern. Aber für die Deutschen scheint das tatsächlich ein Thema zu sein. Die schlucken eher eine Frau im Kanzleramt als auf der Pressetribüne im Fußballstadion.

Einer der Journalisten aus der Heimat wollte tatsächlich wissen: Ist diese Fußballberichterstattung eigentlich ernst gemeint oder Ihr Hobby? Viele kommen auch Schulter klopfend: Dafür, dass Sie eine Frau sind, haben Sie ja echt Ahnung.

Das ist doch interessant oder? Und noch interessanter finde ich, dass deutsche Männer ernsthaft glauben, Frauen verständen die Abseitsregel nicht. Als ob man dafür einen Einstein-IQ benötigte. Grundsätzlich: Sportberichterstattung ist ein journalistisches Ressort wie jedes andere.

Sie sind bekennende Liebhaberin des italienischen Fußballs. Warum? Was macht für Sie den Reiz der Serie A aus? Mir fallen relativ schnell Begriffe wie Fan-Ausschreitungen, Rassismus, mafiöse Zustände rund um einige Vereine, Doping, sowie eine nachlassende internationale Konkurrenzfähigkeit der Serie A ein. Aber es gibt sicherlich noch mehr als das, oder?

Ja, ich mag den italienischen Fußball. Heute, am Tag der Klinsmann-Entlassung, mag’ ich ihn sogar noch ein bisschen mehr.  Weil hier auf Verlierern nicht so herumgetrampelt wird. Ich fand die Art und Weise, mit der Klinsmann verabschiedet wurde, ziemlich stillos, muss ich ehrlich sagen. Aber das nur nebenbei.

Im italienischen Fußball gibt es mehr Exzesse, mehr Skandale – die Fan-Ausschreitungen und der Rassismus haben nur mittelbar mit dem Fußball zu tun, dafür mehr mit den riesigen gesellschaftlichen Problemen. Anders gesagt: Rassismus und rechte Sprüche begegnen mir hier in Rom durchaus nicht nur im Stadion. Ganz im Gegenteil, die verschärften Vorschriften und Kontrollen in den Stadien haben dazu geführt, dass die Gewalt in den Arenen schwer rückläufig ist. Dass es außerhalb der Stadien immer noch zu Ausschreitungen kommt, zeigt doch: Die Probleme kann man nicht aus der Welt schaffen, indem man sie aus der Kurve fegt.

Was ich am Fußball hier mag, ist das völlige Fehlen von Kundenmentalität und Kosten-Nutzen-Rechnungen. Das Mit-der-Mannschaft-Leiden-Können. Die Überzeugung, dass Fußball eine Parabel für das Leben an sich ist, und nicht die Leistung einer Mannschaft für die Zuschauer-Kunden.

Ihr Blog heißt catenaccio, das ist putzig, ein Begriff aus der Fußballgeschichte, der immer noch automatisch mit italienischem Fußball verbunden wird. Tatsache ist: Die Italiener spielen schon lange keinen catenaccio mehr, sind aber im Moment schlechter als die Konkurrenz aus England. So what?

Was Doping angeht: Bisher nachgewiesen bei Juventus. Also, wenn sich die Roma dopen würde und dann derart schlechgt spielt wie am Samstag beim 1:4 in Florenz, würde ich vom Glauben abfallen. Was meinen Sie mit mafiösen Zuständen?

Da ist von gekauften Spielen in Palermo die Rede, angeblich wollte die Mafia Lazio Rom kaufen, Wettskandale in die Spieler involviert sind. Ich wollte damit nur das negative Grundbild wiedergeben, dass in der deutschen Medienlandschaft vorherrscht. Dabei vergisst man schnell, dass es eigentlich um ein Spiel geht. Fußball. Und deshalb habe ich mir gewünscht, dass sie mir als Fan des Calcio sagen können, was Italiens Fußball so schön macht.

Im Fall Palermo wird noch ermittelt – aber verschobene Spiele hat es, wenn ich nicht irre, schon in allem möglichen Ligen der Welt gegeben. Im Gegenteil hat sich die Klubführung von Palermo Calcio gegen die Einflüsterer der Cosa Nostra zur Wehr gesetzt und diese angezeigt. Die neapolitanische Camorra wollte offensichtlich über einen Strohmann Lazio kaufen, dazu ist es aber nicht gekommen. Alles siehe oben: Fußball steht auch hier nicht außerhalb der Gesellschaft. Und umgekehrt – gilt das “negative Grundbild in der deutschen Presse” nicht nur dem italienischen Fußball. Sondern Italien. In Deutschland hat sich der “Sport”-Journalismus offenbar schnell auf die Dauer-Formel geeinigt: “Weltmeister am Abgrund”, weil man das verlorene Halbfinale von 2006 so besser verdauen kann.

Wo haben Sie her, dass es “eigentlich nur um ein Spiel geht?” Und dass als Blogger der Firmenmannschaft Bayer Leverkusen! Wunderbar.

Ich bin ein Fan der Roma, aber das heißt nicht, dass ich alle Welt zu meiner Religion bekehren muss.

Ich bin auch nur ein Fan von Bayer Leverkusen – bestimmt auch kein Vorzeigefan und jeder Fan hat wahrscheinlich eine unterschiedlich ausgeprägte Liebe zu seinem Club. Hier im Blog wird sowieso nicht bekehrt. Hier im Blog gehts hauptsächlich nüchtern zu. Gibt es denn auch für Sie Kriterien, die ein Fan erfüllen muss?

Anständig bleiben, würde ich mal sagen.

Sie sagen, dass es ein völliges Fehlen von Kundenmentalität und Kosten-Nutzen-Rechnungen gibt, aber ist dies nicht eine sehr verklärte Sicht der Dinge? Gibt es nicht auch in Italien ein Wolfsburg, Hoffenheim oder Leverkusen, wo der Ausflug ins Stadion eher eine touristische Angelegenheit ist, wo man sich unterhalten lassen möchte, wo die ganze Familie bespielt wird?

Verklärt oder nicht, das ist mein philosophischer Überbau als Fan. Als Journalistin muss ich aber sagen: Nein, es gibt hier keinen Familienausflug ins Stadion. Fußball ist Fußball und Tourismus ist der schiefe Turm von Pisa. Bei uns heißen die Stadien noch nach Fußballspielern (Giuseppe Meazza) oder Heiligen (San Nicola) und nicht nach Versicherungsunternehmen. Ist doch schön oder?

In Deutschland wird ja seit einigen Jahren die mangelnde Konkurrenzfähigkeit gegenüber bspws. England kritisiert, auf der anderen Seite gibt es die Front, die meint, dass in Deutschland nun doch nicht alles so schlecht ist und die Liga ungeheuer attraktiv ist. Wie ist der Stand der Dinge in Italien?

Wir haben uns ein bisschen an die Brust geschlagen aber man soll es nicht übertreiben. Nächstes Jahr wird alles besser. Die Geschichte geht nach Zyklen und Englands Glücksträhne wird nicht ewig dauern. Zumal ManU, Arsenal und Chelsea jetzt nicht sooo haushoch gegen ihre italienischen Gegner gewonnen haben….

Bezüglich Dopings ist tatsächlich nur die Juventus-Geschichte bewiesen, aber es gibt ja u.a. Staatsanwalt Raffaelle Guariniello, der seit geraumer Zeit, die Häufung des Lou-Gehrig-Syndroms bei italienischen Fußballern untersucht. Das ist natürlich kein rein italienisches Problem, deshalb würde mich ihre generelle Einschätzung zum Thema interessieren. Welche Bedeutung hat Doping unter Fußballern und was sagen Sie zu den Grabenkämpfen zwischen Wada und FIFA?

Doktor Guariniello untersucht mit bemerkenswerter Hingabe die Häufungen von LGS bei Spielern des AC Florenz in den 1970er Jahren. Aber ganz allgemein ist der Fußball gegenüber früher so viel schneller, konditionsstärker und athletischer geworden, dass man schon ins Nachdenken geraten kann… Andererseits betreffen die wenigen Dopingfälle hier in Italien ausschließlich eine Droge, die auch außerhalb des Fußballplatzes verboten ist: Kokain. Also kein klassisches Dopingmittel. Wada und FIFA? Bin ich auf Seiten der Wada. Für das, was Fußballprofis verdienen, haben sie halt ein paar Extrapflichten. Ich muss auch einspringen, wenn’s brennt, Urlaub hin oder her.

Nochmal zurück zu Jürgen Klinsmann. Was war das Problem, dass er nun doch gehen musste? Hätte man ihm bei einem anderen Verein mehr vertraut? Hätte Klinsmann bspws. die Roma endlich mal wieder zum Meister machen können? Übrigens musste ich heute morgen noch ein Interview des SZ-Autoren Ludger Schulze lesen, der Jupp Heynckes nach dessen Hund befragt. Das scheinen doch auch wichtige Fragen im Qualitätsjournalismus zu sein.

Ein Interview des SZ-Sportchefs Ludger Schulze müssen Sie nicht lesen. Das dürfen Sie lesen und können sich dann darüber freuen. Die Frage nach dem Heynckes-Hund war doch wunderbar. Wir Journalisten wundern uns manchmal wirklich darüber, wie bierernst unsere Leser sich den Qualitätsjournalismus vorstellen! Über Klinsmann ist so viel geschrieben worden, da muss ich nicht auch noch meinen Senf hinzugeben. In Rom könnte ich ihn mir gut vorstellen, der Druck ist hier allerdings ungleich höher als in München. Außerdem braucht die Roma mehr als einen neuen Trainer – neue Spieler!

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gingen viele deutsche Profis nach Italien. Irgendwann ebbte diese Welle dann aus unterschiedlichen Gründen ab. Eine echte Gegenbewegung von italienischen Profis in der Bundesliga gab es seit dem nicht. Inzwischen gibt es aber doch eine Hand voll Spieler, die es hier probieren. Wie schätzen Sie die Legionäre ein und werden noch mehr Profis nach Deutschland wechseln?

Die italienischen Profis in Deutschland schätzen weniger die Bundesliga als solche als die bessere Lebensqualität, die schöneren Stadien und die friedlicheren Fans. Ich glaube aber nicht, dass es einen Massenexodus von Italien nach Deutschland geben wird. Übrigens steht das Wort “Legionär” im Qualitätsjournalismus  auf dem Index – im Unterschied zu “Hund”.

Seit November letzten Jahres bloggen Sie nun auch. Was hat sie zu diesem Schritt bewogen und welche Bedeutung hat bloggen für Sie? Was sagen die Kollegen aus dem Journalismus dazu? Werden Blogger eigentlich wirklich belächelt oder gar als Konkurrenz gesehen?

Ich blogge just for fun. Weil nicht alles in der Zeitung Platz hat und ich den direkten Kontakt mit den Lesern schätze, jedenfalls meistens. Blogger werden im Journalismus weder belächelt noch als Konkurrenz gesehen, viele Journalisten bloggen ja selbst. Das ist schlicht etwas anderes. Kommunikation ist ja noch kein Journalismus. Der Unterschied zwischen Bloggern und Profijournalisten ist in etwa der zwischen Familienköchen und Sternechefs.

Welche Blogs lesen Sie regelmäßig und haben Sie noch einen Geheimtipp parat?

Direkter Freistoß natürlich und den superlustigen Fritten, Fußball & Bier. Den finden meine Kinder am besten, obwohl der Titel nicht ganz jugendfrei ist… Aber Leute, ich hänge am Gedruckten. Deshalb surfe nicht den ganzen Tag, sondern lese lieber mal ein Buch…

Vielen Dank für das nette Gespräch!

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6 comments » Write a comment

  1. Ui, hier wird ja scharf geschossen. Aber das ist wohl legitim, wenn aus Sicht der Profis die Laien die Fragen stellen.
    Aber ist es ebenso legitim, die deutschen Klischees über Italiener und italienischen Fußball anzuprangern und gleichzeitig die Klischees über Deutschland und “die Deutschen” zu benutzen? So kommen wir doch nicht weiter, denke ich. Schade, Chance vertan.
    Und wer hat denn einen nicht-geringen Anteil an dem negativen Bild des italienischen Fußballs das man in Deutschland hat? So reflektiert und gesellschaftsbezogen wie in diesem Interview lesen sich die meisten Artikel von Birgit Schönau leider nicht. Da dürfte man sich auch mal an die eigene Nase fassen…
    Dennoch danke für das interessante Interview!

  2. Irgendwie weiß ich nicht recht, was ich von diesem Interview halten soll. Klingt ein bisschen so, als wäre die Sterneköchin nach dem Einstieg (oder schon davor?) nicht unbedingt darauf aus gewesen, mit dem Familienkoch auf Augenhöhe zu reden, obwohl dessen Rezeptvorschläge durchaus einiges hergegeben hätten.

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