Eine Woche Urlaub

Eine Woche feinster Ski-Urlaub ist rum – nun sitze ich daheim und versuche diese Woche blogtechnisch aufzuarbeiten. Letzten Samstag machte sich Heinz Kamke Gedanken, wie Doping mit Bayer aussehen kann. Alles andere als gedopt liefen die Spieler dann gegen Hannover 96 auf und verloren sang- und klanglos mit 0:1. Ich habe mir bis heute das Spiel nicht angesehen und auch nicht groß rekapituliert, was da schon wieder schief gegangen ist. Angeblich hat das Team phlegmatisch gespielt, meinte Rene Adler zumindestens. Das fand dann Rudi Völler nicht so toll. Der Herr Nationaltorhüter solle sich mal an die eigene Nase fassen.

Sonntag versuchte Frau Lamm dann Gemeinsamkeiten zwischen meinem Fantum und ihrem zu finden. Der gemeinsame Nenner war schnell gefunden, nämlich im Mitleid mit der eigenen Mannschaft.

Alles andere als Mitleid hatte dann allerdings Herr Baade am Montag. Sein kontroverser Artikel “Warum Bayer Leverkusen scheiße ist” wurde viel gelesen, viel diskutiert und viel verlinkt. Bis heute weiß ich nicht so genau, was ich von diesem Text halten soll, aber irgendwann werde ich mich mal zur Fankultur im Fußball auslassen.

Wesentlich netter fielen in Bezug auf die Werkself die Worte von Herrn Fiebrig aus. Er schrieb über eine Nacht in Chisinau, die nicht nur Leverkusen-Fans unvergesslich bleiben wird.

Mittwoch folgte dann der seherische Beitrag von Herrn S., der sich sicher war, dass das DFB-Pokal-Viertelfinale positiv ausfallen würde. Und damit hatte er sowas von Recht. In der LTU-Arena wurden die Bayern aus München in feinster Art und Weise vorgeführt und der Einzug ins Halbfinale wurde mit einem 4:2 perfekt gemacht. Die Schlussphase hat mich auf der Zillertaler Hütte bestimmt 10 Euro Handyliveticker-Roaminggebühren gekostet, da wir weder deutsches Fernsehen, noch deutsches Radio hatten.

Herr Hoeftmann hat sich dann am Tage nach dem grandiosen Sieg, mit einer alten Legende beschäftigt und sich gefragt, wo dieser Mann eigentlich steckt. Seine Antwort ist vielfältig und lässt Raum für Spekulationen.

Freitag war der letzte Tag der Gastblogger-Woche, den Herr Alletsee beschlossen hat. Der baldige Abiturient setzte sich mit Bayers Team in 5 Jahren auseinander und weckt Hoffnungen in den Herzen der Bayer-Fans.

Leider nicht aktualisiert wurde die Chronologie des Hoffenheimer Dopingprobenspektakels. Dies habe ich heute hier nachgeholt, da sich auch einiges im Fall getan hat.

Nochmals vielen Dank an alle Gastblogger!

Wie wird Bayers erste Elf in fünf Jahren aussehen?

Unser heutiger Gast ist Max Alletsee von der “Taktikbesprechung“. Max kürte einst Catenaccio zum besten Fußball-Blog, womit er hier natürlich für immer einen Ehrenplatz auf der Blogtribüne bekommen wird. Die Taktikbesprechung beschäftigt sich fundiert mit den unterschiedlichsten Fußballthemen und schaut gerne einmal über den Tellerrand des deutschen Fußballs hinaus. Max hat sich überlegt, wie denn wohl die Bayer-Mannschaft in fünf Jahren aussehen könnte und ich muss sagen, dass ich froh wäre, wenn dieser Text wahr würde.

Adler - Kadlec, Schorch, Reinartz, Castro - Dum, L. Bender, Renato Augusto, Barnetta - Helmes, Derdiyok.

Tor:

René Adler. 29 Jahre.
In fünf Jahren wird Adler kurz vor dem Höhepunkt seiner Torwartkarriere stehen. Ich denke, er wird Bayer treu bleiben, viel interessanter ist allerdings die Frage nach der Nationalmannschaft. Hier wird meiner Meinung nach der zwei Jahre jüngere Manuel Neuer die Nase vorn haben. Adler ist ein solider Torhüter, der unter Druck aber zuweilen zu Fehlern neigt.

Verteidigung:

Michal Kadlec. 29 Jahre.
Eine der Entdeckungen der Scouting-Abteilung von Bayer. Er wird sich zu einem der herausragenden Außenverteidiger der Bundesliga entwickeln. In Leverkusen Stammspieler und Flankengeber.

Christoph Schorch. 25 Jahre. Im Moment bei Real Madrid unter Vertrag.
Als junges Talent nach Spanien gewechselt, wird er sich dort gegen die zahlreichen Stars nicht durchsetzen können. Eine Rückkehr in die Bundesliga wird früher oder später erfolgen, bei Bayer kann man ihm eine Perspektive anbieten. Als kopfballstarker Innenverteidiger ein Rückhalt für die Bayer-Defensive.

Stefan Reinartz. 25 Jahre. Im Moment an den 1. FC Nürnberg verliehen.
Das Bayer-Talent wurde nach Franken verliehen, um Spielpraxis zu sammeln; diese hat er auch reichlich bekommen. Ebenso wie Schorch eines der deutschen Abwehr-Talente. Bayer wird ihn nicht ziehen lassen, sondern nach seiner Rückkehr in die Mannschaft integrieren.

Gonzalo Castro. 26 Jahre.
Bei Leverkusen seit geraumer Zeit Stammspieler. In den kommenden fünf Jahren wird er mit der Bundesliga und deren Rhythmus vertrauter werden, seine Leistungen werden sich stabilisieren. Gemeinsam mit den beiden Innenverteidigern im Umfeld der Nationalmannschaft zu finden, vielleicht eine Bayer-Achse mit dem Adler auf der Brust.

Mittelfeld:

Sascha Dum. 27 Jahre.
Der Reservist wird sich zu einem soliden Mittelfeldspieler entwickeln, der einen festen Platz in der Bayer-Elf erhält. In der Nationalmannschaft wird er wegen der enormen Konkurrenz auf seiner Position wohl kaum zum Zug kommen. Ein guter Bundesligaspieler, aber nicht mehr.
Alternative: Bayers Scouting-Abteilung findet eine Alternative in Südamerika. Aber dort kenne ich mich definitiv zu wenig aus, um hier einen Namen in die Runde zu werfen.

Lars Bender. 24. Im Moment beim TSV 1860 München unter Vertrag.
Bender ist eines der größten deutschen Talente im defensiven Mittelfeld, die Löwen werden ihn mit Sicherheit nicht auf Dauer halten können. Bender wurde außerdem schon mit der Werkself in Verbindung gebracht, er soll im Anschluss an seinen 2011 auslaufenden Vertrag in München an den Rhein wechseln. Ich denke, Bayer wird ihn schon ein Jahr vorher aus seinem Vertrag herauskaufen und an sich binden.

Renato Augusto. 26.
Bei ihm ist die große Frage, ob er in fünf Jahren noch für Leverkusen spielt. Nachdem er sich überraschend schnell in die Bundesliga eingefunden hat und für Bayer einer der wichtigsten kreativen und das Spiel gestaltenden Fußballer ist, wird es schwer sein, ihn davon zu überzeugen, nicht zu einem europäischen Top-Klub zu wechseln. Bayers Vorteil: Augusto hat Vertrag bis 2014 und keine Ausstiegsklausel.

Tranquillo Barnetta. 28.
Eine der Stützen des Leverkusener Mittelfelds, bei dem für Bayer wohl die Gefahr besteht, dass ein Premier-League-Klub eine reizvolle Abwechselung für den Schweizer sein könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass Barnetta gerne gehen würde, Bayer ihn aber nicht lässt. Von der Qualität her passt er ins Team.

Angriff:

Patrick Helmes. 29.
Einer der größten Coups der jüngeren Vergangenheit. Sein Torriecher ist phänomenal, seine Spritzigkeit ebenso. Ich befürchte, dass Helmes in einer gewissen Weise Klose ähnelt: Aus einer längeren Phase der Erfolglosigkeit wird er nur sehr schwer herausfinden. Auch bezüglich der Perspektive in der Nationalmannschaft sehe ich Parallelen zu Klose: Er kann sehr erfolgreich sein (und ich vermute, dass er ungefähr den Stellenwert Kloses erreichen wird), aber wenn es nicht läuft, dann ist sein Spiel grauenhaft anzusehen.

Eren Derdiyok. 25. Im Moment beim FC Basel unter Vertrag.
Dass er in Zukunft bei Bayer unter Vertrag stehen wird, ist relativ sicher. Derdiyok ist vielseitig einsetzbar, sowohl bei Kontern als auch im Kopfballduell zeigt er schon in jungen Jahren unheimliche Qualitäten. Dass er sich einen Stammplatz erarbeitet, halte ich für sehr wahrscheinlich.

Alternative: Richard Sukuta-Pasu. 23. Mit Sicherheit eines der größten deutschen Angriffstalente, seine Spielweise ähnelt der Derdiyoks. Ich habe ihm schon mehrfach eine große Zukunft vorhergesagt und werde nicht müde, dies auch an dieser Stelle zu tun. Fünf Tore in elf Regionalligaspielen sind eine kräftige Duftmarke für den derzeit 18-Jährigen. Und in fünf Jahren wird er sich mit Sicherheit darum bemühen, Stammspieler in der Bundesliga (oder einer anderen europäischen Liga) zu werden.

"DANN SOLL ER DEN UWE RAHN EBEN HOLEN"

Der heutige Gastbeitrag stammt von Björn Hoeftmann, der das Blog THOR WATERSCHEI – Fußball ist Kultur betreut. Thor Waterschei hat nichts mit dem Bochumer Vorort Wattenscheid zu tun, sondern “THOR WATERSCHEI war einst ein traditionsreicher belgischer Fußballklub …” Heute fragt sich Björn, was eigentlich Uwe Rahn macht. Viel Spaß!

“Was macht eigentlich…Uwe Rahn? Die Qualitäten von Gladbachs Mittelfeld-Ikone mit dem annus mirablis 1987, in dem Rahn am Bökelberg zum Bundesligatorschützenkönig und zum deutschen Fußballer des Jahres avancierte, sprachen sich seinerzeit bis zum PSV Eindhoven herum, der Rahn als Nachfolger von Ruud Gullit verpflichten wollte.

Wie FC Bayern-Legende Klaus Augenthaler einst in einem Tagesspiegel-Interview beiläufig verriet, führte Rahns Superjahr im Übrigen auch dazu, dass Jupp Heynckes nach seinem 87er Wechsel vom Bökelberg zum Rekordmeister den Bayern-Stars regelmäßig mit seinen Rahn’schen Schwelgereien gehörig auf den Keks ging:  “Jupp Heynckes hat als Trainer bei den Bayern immer von Uwe Rahn gesprochen, der unter ihm in Mönchengladbach Fußballer des Jahres geworden ist: Uwe hat dies gemacht, Uwe hat jenes gemacht. Ich weiß doch, was die Jungs gedacht haben: Dann soll er den Uwe Rahn eben holen.”

Nach seinem 87er Traumjahr ging es für Rahn indes allmählich bergab auf der Karriereleiter. Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger führte Rahn seine Karrierereise via Köln, wo er noch unter Christoph Daum zweimaliger Vizemeister wurde, über unglückliche Stationen bei Hertha BSC, Fortuna Düsseldorf (inklusive inbegriffenen Abstiegen) und Eintracht Frankfurt ins damalige Fußballrentnerparadies Japan, wo Rahn seine Treter letztendlich an den Nagel hing.

Als Schmankerl aus Uwe Rahns Karriereportfolio bleibt wohl besonders dessen traumhafter Einstand in der deutschen Nationalelf hängen. Rahns 14 Länderspiele andauernder Dienst, durch den der gute Uwe dort immerhin zu einem Vertreter der Rahn’schen Namensvetterdynastie avancierte, begann 1984 in Köln mit einem wahrhaftigen Paukenschlag. Der Kalender schrieb den 17. Oktober, das Müngersdorfer Stadion war ausverkauft. Der Kick in der Quali für die 86er WM in Mexiko verlief gegen biedere Schweden jedoch wenig verheißungsvoll. Teamchef Franz Beckenbauer wechselte daher in Minute 75 beim Stand von 0:0 Uwe Rahn, als verkappte Bernd-Schuster-Neuauflage des “Blonden Engels”, für Felix Magath ein. Der Dank folgte Gewehr bei Fuß, mit seiner ersten Ballberührung. Denn Rahn erzielte nur 19 Sekunden später den deutschen Führungstreffer, der für die Beckenbauer-Eleven der Meilenstein für den späteren 2:0-Sieg werden sollte. Gleichwohl, es sollten nicht viele weitere folgen, so dass jener Moment, der größte in Rahns Laufbahn mit dem Adler auf der Brust blieb.

Zur Ausgangsfrage lässt sich im Übrigen wenig verorten. Mal taucht Uwe Rahn in den Weiten des Netzes als Handball-Trainer eines schwäbischen Zweitligisten auf, mal als tüchtiger Handwerker, speziell als Bäcker oder Monteur. Dann wiederum als so genannter Distanzreiter, der sich mit sämtlichen Hufproblemen seiner Rösser auskennt. Last but not least, als ehrwürdiger musizierender Pfarrer, der bisweilen im Duett mit Gitarrenuntermalung leise zweistimmige Lieder zum Besten gibt,  die von Backfischen und Träumern, Engeln und Bohnensamlern handeln – und was es sonst so zwischen Himmel und Erde gibt .”

Bereits hier erschienen.

Recht wenig Ahnung von Fußball

Christian S. schreibt für das wundervolle Pillendreher-Blog. Dort trifft er sich regelmäßig mit Simon und redet über Gott und die Welt. Das in Christian noch eine Menge mehr Kreativität steckt zeigt das Blog “tod eines zu mittag speisenden” und die Tatsache, dass er mit MC Winkel und diversen anderen den Geschichten-Sammelband “6 Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch” herausgegeben hat. Vor dem Spiel gegen die Bayern heute, ist er mal wieder mit Simon unterwegs und trifft Nadine.

„Ich habe ja recht wenig Ahnung von Fußball“, meinte Nadine, was weder mein Freund Simon noch ich verneinen wollten, „aber ich glaube, das Spiel heute Abend gegen die Bayern könnt ihr euch getrost schenken.“
„Was, wieso das?“, fragte Simon, der sich in Vorbereitung auf das heutige Viertelfinale bereits seine siebenundzwanzig Fanschals um Arme, Hals und Stirn gebunden hatte und kaum mehr zu erkennen war.
„Weil ihr euch nachher nur wieder ärgert“, erklärte Nadine. „Wie nach der Niederlage gegen den HSV. Oder nach der Heimpleite gegen Stuttgart. Irgendwie scheint Düsseldorf kein gutes Pflaster für euch zu sein.“
„Das ist nicht wahr“, meinte Simon trotzig, und auch ich schüttelte vehement den Kopf.
„Wir haben auch schon in der LTU-Arena gewonnen“, klärte ich unsere Freundin auf, „gegen Cottbus. Ziemlich überzeugend sogar. Und das war sogar im DFB-Pokal.“
„Hm, ja. Mag sein“, meinte Nadine nur und zuckte mit den Schultern. „Aber die Bayern sind nicht Cottbus.“ Da hatte sie natürlich Recht. „Und wenn ich mir so eure Bilanz gegen die Bayern anschaue, die sieht nun wirklich nicht gut aus. Wenn ich mich nicht irre, habt ihr das letzte Mal im August 2004 gegen Bayern München gewinnen können, im DFB-Pokal sogar noch nie. Also ich denke nicht, dass …“
„Moment“, unterbrach ich Nadine. „Sagtest du nicht, dass du recht wenig Ahnung von Fußball hast? Wie kommt es dann, dass du so gut Bescheid weißt?“
„Ja, wie kommt das?“, wollte auch Simon wissen, während Nadines Kopf augenblicklich eine rötliche Farbe annahm. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr irgendetwas fürchterlich unangenehm war.
„Raus mit der Sprache.“
„Ja, raus mit der Sprache“, wiederholte Simon.
„Vielleicht … vielleicht war ich eben nicht ganz ehrlich zu euch“, gab Nadine nach kurzem Zögern zu und schaute verlegen zu Boden. „Ich … äh, ich bin nämlich Bayern-Fan und …“
„Du lieber Himmel“, schrie Simon entsetzt auf, bevor er theatralisch in sich zusammen sackte. Damit hatte weder er noch ich gerechnet.
„Und ich hatte darauf spekuliert, eine von euren Karten zu bekommen. Das Spiel ist ja schon seit Tagen restlos ausverkauft.“
Ich schaute unsere Freundin eine Weile fassungslos an, bevor ich langsam den Kopf schüttelte. „Tut mir leid, Nadine. Unsere Karten bekommst du nicht. Aber weißt du was? Viel verpassen wirst du eh nicht. Wir werden nämlich heute Abend den Bayern die Lederhosen ausziehen. Und dann werden wir sie ihnen über ihre Köpfe ziehen und bis in die frühen Morgenstunden den Einzug ins Halbfinale feiern.“ Ich sagte das so überzeugend, dass ich sogar beinahe selbst daran glaubte, während Simon unter seinen Schals zustimmend nickte.

Eine Nacht in Chisinau

Dass der FC Union Berlin und Leverkusen, doch etwas gemeinsam haben, darüber klärte uns Steffi Lamm vom Textilvergehen auf. Heute kristalliert sich heraus, dass das kein Versehen ist, denn Sebastian Fiebrig, ebenfalls Unioner, jubelt und trauert noch am Rande der “zivilisierten” Fußball-Welt mit der Werkself. Damals. Als Bayer noch Champions League spielte.

Damals im Zorro in Chisinau

Nach einer Woche in der unwirklichen Republik Transnistrien fuhren wir mit unserer Seminargruppe in die wirkliche Republik Moldau. Die Suche nach Sportergebnissen in Transnistrien war ein Krampf gewesen. Überall wurden zwar Sportzeitschriften verkauft, doch lag die Tücke darin, eine aktuelle Ausgabe zu finden. Aussichtslos. Und Fernsehübertragungen waren nicht zu bekommen. Trotzdem bekamen wir zugetragen, dass Leverkusen gegen Schalke das Finale des DFB-Pokals verloren hatte. Und auch Dortmund hatte das UEFA-Pokalfinale nicht gewinnen können.

Die moldauische Hauptstadt Chisinau war im Gegensatz zu der Grabesstille in Transnistrien das pure Leben. Die Straßencafés waren voll, die Menschen tranken Bier in den Parks und die Omas sammelten die leeren Flaschen ein. Wo wir denn abends hinwollten, fragten die moldauischen Studenten. „Kann man hier irgendwo Leverkusen gegen Madrid sehen?“ Konnte man. Im Zorro. Ein Teil unserer Gruppe ließ sich von einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft das Nachtleben der Stadt zeigen. Wir hingegen trafen uns vor der Großdiskothek Zorro. Die Piktogramme zeigten auch uns unmißverständlich an, Handfeuerwaffen und Messer nicht mitzunehmen.

In der vollbesetzten Disko erwartete uns eine riesige Leinwand. Die Galerie war ebenfalls voll. Schnell ein Baltika von der Bar geholt und dann ging auch schon das Spiel los. Die Sympathien waren klar verteilt. Real Madrid. Aber vielleicht gab es auf dem Markt von Chisinau auch einfach keine Trikots von Leverkusen. Ich wollte Leverkusen gewinnen sehen. Aber wie? Gerade die Meisterschaft noch an Dortmund abgegeben. Pokalfinale an Schalke verschenkt. Und gegen Madrid sollte es anders sein?

Das Spiel war noch nicht richtig losgegangen und schon führte Madrid. Ach Bayer. Schon wieder nichts. Der Jubel der Moldauer verklang schnell nach dem Ausgleich. Aber was für ein Spiel! Wir schrien und feuerten die Mannschaft an, während jede Aktion von Real überschwenglichen Beifall von der Galerie hervorrief. Die Atmosphäre war aufgeladen. Leverkusen kämpfte nicht einfach nach dem Traumtor von Zidane. Leverkusen spielte mit Madrid. Wir jubelten, als Cesar vom Platz musste und der junge Casillas eingewechselt wurde. „Der kann nichts.“ Mittlerweile war an der Bar das Bier alle. Casillas konnte doch etwas und verhinderte in der Nachspielzeit mehrmals den Ausgleich.

Keineswegs traurig verließen wir das Zorro und holten uns am nächsten Kiosk Bier. Leverkusen hatte den Moldauern in Chisinau gezeigt, dass es hätte gewinnen können. Und wir haben mit der Mannschaft gelitten. Wir haben mit ihr gejubelt. Und wir haben sie nach vorne gebrüllt. So bauen sich Beziehungen zu Fußballvereinen auf. Und wenn mich jemand nach diesem Spiel fragt, so beginnt die Geschichte mit: „Damals im Zorro in Chisinau…“

Warum Bayer Leverkusen scheiße ist

Auch andere Meinungen sind durchaus erwünscht und jaaa – ich war noch nie im Stadion. Warum auch? Fan kann man auch im Herzen sein. Aber für eine Kontroverse ist der Trainer Baade immer gerne gesehen und er hat sich netterweise für einen lieben Gastbeitrag bereit erklärt. Erste Frage war: Darf ich alles schreiben? Ja, du darfst – Wirklich alles? Jepp! Und dabei ist dieser wunderbare Beitrag heraus gekommen.

Bashing ist ja schwer in Mode, und deshalb auch schon wieder außer Mode, wer noch basht, der hat den letzten Pfiff nicht gehört. Bashing bezieht sich aber per selbst aufgestellter Definition nur auf Dinge, die aktuell passieren, während das hier kein Bashing ist, sondern eine Feststellung. Und was schon lange so feststeht, muss man ja nicht neudeutsch mit Bashing bezeichnen, sondern man darf es so nennen, wie es gemeint ist: Ein kleiner Reminder, dass auch Bayer Leverkusen Scheiße ist:

Das Fußballunternehmen Bayer Leverkusen ist Scheiße, das war schon immer klar. Warum?

Diese Frage stellt sich heute leider immer seltener als sie es das noch vor zehn oder 15 Jahren tat. Vor allem Wolfsburg und seit Kurzem Hoffenheim sind damit beschäftigt, Leverkusen den Rang als “Unsympath der Liga” abzulaufen. Da wirkt einer, den man nicht leiden kann, aber schon viel länger kennt, plötzlich gar nicht mehr so schlimm wie einer, den man nicht leiden kann, an dessen hässliche Visage man sich aber noch nicht gewöhnt hat.

Es darf jedoch nicht in Vergessenheit geraten, dass auch Bayer Leverkusen aus selbem Schiet und Dreck ist wie die anderen beiden Werksvereine. Da nützt es auch nichts, dass man aus dem einst abfällig genutzten “Werkself” jetzt eine Imagekampagne zaubert, gerade so wie Schwule sich nun Schwule nennen und wie … nun ja.

Warum also ist Bayer Leverkusen Scheiße?

Man kann ganz vorne anfangen, man kann in der Mitte anfangen oder man kann dort anfangen, wo wir jetzt sind. Fangen wir also vorne an, es macht ja keinen Unterschied, es bleibt überall gleich Scheiße.

Am Anfang

Leverkusen ist keine historisch gewachsene Stadt, sondern, — der Vergleich drängt sich auf — geradeso wie Wolfsburg nur aufgrund wirtschaftlicher Bedürfnisse zur jetzigen Größe angewachsen. Bekanntheit erlangt Leverkusen vor allem durch die Bayer AG und durch den Sportverein Bayer 04 Leverkusen. Womit klar wäre, dass ohne den Verein niemand, der nicht gerade in Aktien oder in Pharma unterwegs ist, überhaupt nur ein Wort über Leverkusen je verlöre. Gegründet wurde der Verein unter der Bezeichnung “Turn- und Spielverein 1904 der Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer Co. Leverkusen” und von da an, 1904, ist Sendepause im deutschlandweit beachteten Fußballsport. Erstklassig wurde Bayer Leverkusen erst 1979, bis dahin füllt ein dickes, fettes Nichts die Geschichtsbücher zu den Punkten Fußball und Leverkusen. Und das war es dann auch schon. Keine regionale Meisterschaft oder mal eine Finalteilnahme, keine (wissenswerte) Historie und auch keine Nationalspieler, die schon mal vor dem zweiten Weltkrieg die deutschen, ähem, Farben vertreten hätten.

In der Mitte

Niemand wusste von Leverkusen, bevor dieses schließlich in die Bundesliga aufstieg. Fans: keine. Zuschauer: auch keine. Leverkusen war in der Mitte seiner Zeit (von heute aus gesehen) Scheiße, weil es eine graue Maus ohne jegliche Spielkultur oder auch nur Daseinsberechtigung war. Es krebste irgendwo in der Liga rum. Während man bei so Mannschaften wie dem VfL Bochum oder dem Karslruher SC wenigstens Sympathien à la graue Maus, die ums sportliche Überleben kämpft, aufbringen konnte, war in dieser Rubrik damals schon bei Bayer Fehlanzeige: ein Mal Relegation gespielt und ein Mal erst am letzten Spieltag gerettet (Andreas Brehme könnte da mehr erzählen), ansonsten immer mehr und immer stärker vom Werk abgefangen. Es gab und gibt kaum ein Risiko, das bei Bayer mal etwas sportlich kaputt gehen könne. Deshalb zog auch damals schon der Bonus des Kleinen, des Underdogs nicht, denn der war Bayer nie. Langweilig hingegen schon. Und als das Ulrich-Haberland-Stadion noch das Ulrich-Haberland-Stadion war, hatte man wenigstens eine Stein gewordene Mahnung darüber, welcher Fußball einen hier erwarten würde. Selbst derer hat man sich inzwischen entledigt, was, man ahnt es schon, einfach nur eins ist: Scheiße.

Nun ist es schon so weit gekommen, dass Leverkusen als originärer Bestandteil der Bundesliga in die Köpfe jener vordringt, die mit einer Teilnahme Leverkusens an der Bundesliga aufwachsen. Man weiß es nicht so genau bezüglich des Hausherren, es ist aber leider davon auszugehen, dass zu Zeiten seiner Erwachung Bayer Leverkusen schon in der 1. Bundesliga war und genau das für ihn nie in Frage gestellt wurde. Unfair, so etwas zu schreiben, wenn der Hausherr in Urlaub ist, und nicht darauf antworten kann, aber nun gut, nach Fairness wurde ja auch nicht gefragt.

Heute

Heutzutage muss man Leverkusen Scheiße finden, weil sie es trotz des erfolgreichen Fußballs zu seligen Daum’schen Drogen-Zeiten (Jens Nowotny: “Privat kennt man ihn zu wenig …”) und damit einhergehendem sportlichen Erfolg immer noch nicht geschafft haben, eine echte Fanbasis aufzubauen. Zu groß scheint die Konkurrenz im Kölner Raum mit dem 1. FC Köln. Und natürlich mit … und … tja. Es scheint so, als sei alleine die Konkurrenz des 1. FC Köln schon ausreichend, um dafür zu sorgen, dass es Bayer Leverkusen nun mal einfach nicht auf die Reihe bekommt, einen Fanstamm zu entwickeln. Nicht zufällig machte sich zuletzt erst jemand Sorgen darum, ob man nach Rückkehr aus der LTU-Arena das dann 30.000 Zuschauer fassende Stadion bei Spielen gegen Energie Cottbus oder gegen die SpVgg Unterhaching oder gegen Greuther Fürth oder was sonst so noch in Zukunft aus den Untiefen der zweiten Liga hochgespült werden wird, überhaupt vollkbekommen wird. Die Chancen stehen gut, dass dem nicht so sein wird. Und Freikarten kann man schließlich auch nicht unendlich verteilen, an Werks-Angehörige, an Schulkinder der umliegenden Dörfer oder an solche, die zufällig bei Maskes McDonald’s essen, weil sie auf der Reise von Bremen nach Freiburg im Leverkusener autobahn-nahen Meckes einen Zwischenstopp einlegen: Die meisten Bayer-Angehörigen haben ohnehin schon ihren eigenen, anderen Verein, und wer etwas auf sich hält, wird alles tun, um zu verhindern, dass der eigene Nachwuchs zum Bayer-Fan mutiert, ergo wird er nicht hingehen.

Und wer das, einen größeren Fanstamm, trotz diverser Rennen um die Meisterschaft, trotz diverser Erfolge im Europapokal, trotz (das durchaus, ja) ansehnlichen Fußballs über Jahre hinweg nicht geschafft hat, der wird das auch in Zukunft weder mit Mr. Insivible Wolfgang Holzhäuser, dessen Charisma im Vergleich zu Calmunds Charisma mikroskopisch klein wirkt, mit dem Scheißkäsen-Volkstribun Rudi Völler, den zwar angeblich alle so nett finden, wenn man genauer nachfragt, man aber doch keinen findet, der allein deswegen zum Leverkusen-Fan würde, noch mit dem sonnenbankgebräunten Anzugträger Bruno Labbadia schaffen, dessen Hochjubelei dort enden wird, wo auch Skibbes und all seiner Vorgänger Wirken endete, wenn denn erstmal die erste längere Misserfolgsphase anstand: mit dem Hinausloben.

Und weil das, ein größerer Fanstamm, nicht gelang, kann man noch so viele deutsche oder deutschstämmige, hoffnungsvolle Talente aufgrabbeln, über ein tolles Scoutingsystem verfügen, ein modernstes Stadion sein eigen nennen und noch so viele Siege gegen Bayern München landen (natürlich immer nur dann, wenn es nicht drauf ankommt): Bayer Leverkusen wird so Scheiße bleiben, wie es schon immer war.

Aktuell ist Bayer Leverkusen weiterhin scheiße, weil es einfach nichts an diesem Club gäbe, was ihn liebenswert oder zumindest bemitleidenswert machte: Ständig eine volle Kasse, obwohl man gar keine Fans hat. Und wer jetzt damit argumentiert, dass die Kassen ja nur noch halb so voll sind wie zuvor, der frage mal nach, was man trotz vieler Zuschauer alles an wenigem Geld und wenigem Erfolg haben kann, z. B. in Braunschweig, in Essen oder von mir aus in Aachen. Das ganze Fundament beruht nur auf dem, was das Werk da hineinpumpt. Und aus mehr als diesem künstlich aufgeblasenen Fliegerdrachen besteht Bayer Leverkusen nun mal nicht. Es gibt keine Tradition, es gibt keine sportlichen Erfolge und es gibt keine Fans: Was also soll das sein außer einem, wenn auch ziemlich teuren, Marketinginstrument?

Die Tatsache, dass hier ein offensichtlich unbezahlter Mensch in seiner Freizeit über Bayer Leverkusen bloggt (und sogar dann und wann nicht vergütete Kommentare hat), bedeutet gar nichts, außer dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Und wie heißblütig dieser Fan selbst ist, hat er ja letztens erst kund getan: Er selbst war noch nie im Stadion. Schöne, wahre, große Liebe, virtuell, nur vom Sofa aus, übers Fernsehen, übers Internet.

Und obwohl hier keine Tradition, kein Erfolg und keine Fans vorhanden sind, stattdessen alles nur von einem Konzern inszeniert ist und bezahlt wird (und das sogar von Anfang an), genau so wie bei den anderen beiden Beispielen, droht aus dem Blickfeld zu geraten, dass Bayer Leverkusen in der Bundesliga nicht nur der Vorreiter für den VfL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim war, sondern auch immer noch zur selben Kategorie gehört.

Dass uns das nicht aus den Augen verloren wird, nur weil Wolfsburg und Hoffenheim jüngere Mitglieder der Bundesliga sind, bitte!

Fan aus Mitleid

Steffi Lamm ist FC Union Berlin-Fan und schreibt für das Textilvergehen. Dort geht es um Union, aber auch immer wieder um Dinge, abseits des zukünftigen Zweitliga-Vereins. Steffi (nicht alleine) und die Haupt-, Neben-, und Anziehsachen ist das Motto beim Textilvergehen. Heute geht es um den Fan aus Mitleid. Mich! Und Dich!

“Laß uns mal was zusammen machen!” Wir eröffneten also diesen Twitter-Account, und eine der ersten Nachrichten, die dort ankamen, war von Jens.
Er führe fort, urlaube gar, bestünde denn Interesse … ?

Wie lange musste ich nachdenken, ob Interesse bestünde? Gar nicht. Hat außer mir noch jemand “Schmidt liest Proust” gelesen? Nein? Schade.
Aber hat auch nur marginal mit Fußball zu tun. Schmidt las also Proust und bloggte darüber. Jeden Tag. Ein halbes Jahr lang. Egal, wo er war.
Und für die beiden Tage, an denen es wirklich nicht ging, überzeugte er -man ahnt es bereits- Gastautoren. Richtiger: Gastautorinnen.
Und nicht irgendwelche, sondern Kathrin Passig und Annett Gröschner. Das Konzept leuchtete mir ein, und ich dachte: ich will sowas auch.

Ich habe Jens umgehend zugesagt, und aber auch: Du-hu? Je-hens? Du weißt schon, dass wir hier drüben alle Unioner sind, oder?
Und er so: Ja. Und ich so: Denn is ja gut.

Ich suche seitdem Gemeinsamkeiten.
Ich suche gründlich.

Und dann lese ich nochmal: Fan aus Mitleid. Das auswärtige Bestreiten von Heimspielen.
Ich nehme an, das Gelächter hat man bis nach … Düsselkusen … drüben gehört.

Wir sind die, für die es als Erfolg zählt, 2001 ein DFB-Pokalfinale gegen Schalke verloren zu haben.
Ich war noch nicht da, als Daniel Teixeira jene legendäre erste Saison spielte.
Ich kam, als Steffen Baumgart ging.
Ich war dabei, als Union aus der 2. Liga abstieg.
Eine Saison später auch aus der Regionalliga.
Ich habe an einer Oberligasaison in und um Berlin teilgenommen. Motor Eberswalde. MSV Neuruppin.
Ich habe den 1.FC Union Berlin gegen einen Verbandsligisten verlieren sehen. Im Elfmeterschießen, es war eine finstere und stürmische Nacht.
Ich stehe seit dem 2. August vergangenen Jahres in einem Stadion, dass ich nicht leiden kann und nenne das “Heimspiel”. (Ich spreche die Anführungszeichen allerdings mit.)

Fan aus Mitleid, ja?
Ich weiß Bescheid.

Es sind die Niederlagen, nicht die Erfolge, die man annehmen können muss.