Winterpause

In aller Kürze.

  • Ein frohes neues Jahr 2014
  • Bayer ist immer noch nicht Meister geworden
  • Bayer hat seit Jahren keinen Titel geholt
  • Bayer ist wieder auf dem Weg Zweiter zu werden
  • Das müsste ich hier niemanden erzählen, denn schließlich wird einem das ja ständig unter die Nase gerieben

Natürlich wird hier auch in 2014 weiter gebloggt. Natürlich unregelmäßig, wie zuletzt auch schon. Generell ödet mich die Berichterstattung rund um den Fußball derzeit etwas an, was mit der Effekthascherei der Medien und der Weichgespültheit der Interviews und Berichte zusammenhängt. Nur alle Nase lang, bekommt man eine wirklich schöne und authentische Geschichte zu hören.

In Leverkusen herrschen die üblichen Themen vor. Erster hinter den Bayern. Wieder nur auf dem Weg Zweiter zu werden. Lässt man sich wieder in der Champions League massakrieren? Warum spielt Kießling nicht in der Nationalelf und ist die Komfortzone in Leverkusen einfach zu groß? Auch da fehlt die große Überraschung. Die bietet weder die Presse, noch die Mannschaft. Gerade wenn man denkt “Ui, weshalb ist die Werkself so knapp hinter den Bayern”, kommen die üblichen unnötigen Pleiten.

Je nach Jobentwicklung, würd ich gerne in 2014 ein größeres Langzeitprojekt starten. Mehr dazu dann in 3–4 Wochen, dann weiß ich wie die Jahresplanung aussieht.

Danke übrigens auch an die fleißigen Buchleser -und Käufer. Es gab spannende Reaktionen, die erst einmal aufzeigen, was es bedeutet etwas zu publizieren.

Das geht von Lob, über Kritik an sachlichen und sprachlichen Fehler, bis zu “Vorwürfen”, dass ich ja gar kein richtiger Fan bin.

Vor Kevin-Prince Boateng

Kurze Meldung vor dem Spiel gegen Schalke, dass richtungsweisend werden könnte. Ein Sieg, der vierte in Folge in dieser Saison könnte direkt die Weichen Richtung Champions-League-Kandidat stellen. 12 sichere Punkte im engen Kampf um diese beliebten Plätze schaden nie – speziell wenn die Doppel- und Dreifachbelastung in verschiedenen Wettbewerben ansteht.

Auf dem Transfermarkt hat sich heute noch was getan. Eren Derdiyok wurde von 1899 Hoffenheim auf Leihbasis zurück geholt. Derdiyok ist bisher immer irgendwie unter seinen Möglichkeiten geblieben. Vielleicht war die Trainingsgruppe 2 aber ganz heilsam für den Schweizer. Arkadiusz Milik soll wohl nach Augsburg verliehen werden. Ein guter Schritt für ihn, da er dort wohl Spielpraxis in der Liga sammeln kann.

Konkurrent Schalke hat heute Kevin-Prince Boateng verpflichtet und unter der Woche Dennis Aogo vom HSV ausgeliehen. Zwei Verstärkungen für den derzeit extrem ausgedünnten Kader der Knappen. An sich sollte Bayer in der Lage sein, Schalke zu bezwingen. Mit Rückenwind Champions-League-Qualifikation und Superstar-Verpflichtung könnte jedoch Schalke neue Energie freisetzen. Abwarten.

Letzter Spieltag:

Nach dem mühseligen 1:0 in Stuttgart, ein 4:2 mit Feuerwerk-Charakter gegen Gladbach. Festzuhalten bleibt. Ein neuer Sam in Topform, Son auch mit Defensivqualitäten, Kießling wird nie wieder unter Löw spielen und sammelt trotzdem fleißig Scorer-Punkte, Castro wieder besser in Form und Spahic und Toprak in der Innenverteidigung mit Topleistungen. Nebenbei kann man jetzt 1:0-Führungen über die Runden schaukeln und lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn man einem 2:0-Führung verspielt. Neue Qualitäten.

Buch:

Ich habe die Tage mit Stefan Thomé vom Fanprojekt Leverkusen gesprochen. Das Interview, dass auch ins Buch einfliessen wird, veröffentliche ich Anfang der Woche.

FC Bayern München – sympathisch oder nicht?

The European hat mir diese Frage gestellt und ich habe geantwortet.

Der FC Bayern München. Der Triple-Sieger. Das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Millionenschwer und erfolgreich. Geprägt von polarisierenden Persönlichkeiten, wie Uli Hoeneß oder Matthias Sammer. Für dessen Festgeldkonto nicht einmal Dagobert Ducks Geldspeicher reichen würde. Der Rekordmeister, der es geschafft hat, den legendären Pep Guardiola, den heiligen und weltbesten Trainer nach München zu locken. Der nun eine Art Weltauswahl mit Thiago, Schweinsteiger, Robben, Ribéry und Lahm coachen darf. Kann man so einen Verein gut finden? Kann man diesen Verein sympathisch finden? Ja – man kann. Aber man kann es auch sein lassen. Wie so oft im Leben, kommt es auf die Perspektive an.

Mehr beim European.

Sommerpausen-Gedanken, Teil 21

Testspiel:

Es wird Ernst. Nicht nur, dass in Leverkusen wieder trainiert wird – nein – gestern absolvierte die Werkself sogar das erste Testspiel bei Schwarz-Weiß Essen. Endergebnis 4:1. Der Gegner spielt in der Oberliga, dementsprechend bedeutungsschwanger ist das Ergebnis dann auch. Zwar spielten einige Profis mit, aber auch ein Haufen Jungspunde, die sich für den Profikader empfehlen wollen. Viel interpretiert werden muss da also nicht.

Aufstellung Bayer:
Bayer 04: Yelldell (46. Lomb) – Toprak (46. Cacutalua), Perrey, Castro (46. Öztunali), Rolfes (46. Wagner), Zenga, Hartwig (46. Dürholtz), Mandt (60. Engelmann), Kießling (46. Paterson), Hegeler (46. Hombach), Paqarada.

Tore: 1:0 Rolfes (35.), 2:0 Castro (38.), 2:1 Lüttgen (40.), 3:1 Öztunali (65.), 4:1 Paterson (84.)

Für kleine mediale Freudenschreie dürfte der erste Treffer des Seeler-Enkels Levan Öztunali gesorgt haben. Da ist der Durchbruch demnächst schon garantiert. Im Ernst. Es dürfte spannend sein, ob sich mal wieder Jugendspieler in die erste Mannschaft kämpfen und wieviel Einsatzzeit sie dort bekommen.

Siegtore:

Ich hatte vor geraumer Zeit mal eine Statistik mit Siegtoren angelegt. Was sind diese Siegtore. Das hatte ich im verlinkten Artikel näher ausgeführt.

Beispiel: München gewinnt 3:1 gegen Mainz, dann ist das zweite Tor von München der entscheidende Treffer. München gewinnt 5:0 gegen Fürth. Hier ist bereits das erste Tor das entscheidende. Usw. Ich hoffe, dass das verständlich ist.

Der Twitternutzer Haosifan hat diese Statistik aufgegriffen und zu Ende geführt.

Hier die Spieler mit den meisten Siegtoren.

Netterweise stehen dort zwei Spieler ganz oben, die nächste Saison ihre Brötchen in Leverkusen verdienen – nämlich Stefan Kießling und Heung Min-Son.

Kießling erzielte 8 Treffer, die ausschlaggebend für den Sieg waren. Son 6. Kießling sicherte somit 32 Prozent der Siege, Son sogar 50 Prozent.

Alles natürlich übetragend. Wir wissen alle, dass auch andere Tore wichtig sind oder sein können.

Umbau:

Der Stehplatzbereich wird erweitert. Der Umbau beginnt jetzt. Statt 1000 Stehplätzen stehen in der neuen Saison 3000 zur Verfügung. Zudem stehen die Fans dann auch endlich hinter dem Tor und es steht tatsächlich der Eindruck einer Kurve.

Das Pillendreher-Blog hat dazu ein paar Worte gefunden.

Buch:

Themen in dieser Woche waren Dragoslav Stepanovic. Erinnerungen an das 4:4 gegen Eindhoven mit Ronaldo und Bernd Schusters drei Tore des Monats plus Tor des Jahres 1994.

Netterweise bekam ich von einem Leser dieses Blogs eine Mail mit einigen neuen Gründen geliefert. Ich bin immer offen für neue Vorschläge, da auch erst 2/3 der Gründe wirklich stehen und da noch Luft für mehr ist. Also schickt mir gerne eure Gründe, warum ihr Bayer so toll findet.

Anderswo:

Stefan hat endlich mal wieder gebloggt. Komischerweise nicht im Bayer04blog, sondern beim Napoleonkomplex. Thema: Saisonvorbereitung.

Technik:

Der Google Reader ist gegangen. Endgültig. Ich probiers jetzt mit dem kostenpflichtigen Feedbin. Lässt sich gut an.

Sommerpausen-Gedanken, Teil 20

Transfers:

Leise, still und heimlich verpflichtete Bayer Leverkusen heute Emir Spahic – einen 32-jährigen Verteidiger, der zuletzt an den FC Sevilla von Anzhi Makhachkala ausgeliehen war. Nebenbei ist Spahic noch Kapitän der Nationalmannschaft Bosnien-Herzegowinas und ganz wichtig für alle Fernsehkommentatoren dieser Welt: Er ist Cousin von Edin Dzeko. Mit der Verpflichtung Spahics dürfte sich damit auch das Kapitel Toby Alderweireld erledigt haben. Angeblich hatte Bayer schon seit einigen Jahren Spahic auf der Liste, der Bosnier dürfte günstiger sein und seine Erfahrung wird in drei Wettbewerben auch nicht schaden.

Emir Spahic ist spiel- und zweikampfstark. Er ist zudem taktisch hervorragend ausgebildet und ein guter Kopfballspieler. Er wird uns helfen, unsere Ziele in der Bundesliga, dem DFB-Pokal und natürlich auch in der UEFA Champions League zu erreichen.

Rudi Völler

Sami Hyypiä forderte zu Trainingsbeginn weitere Verstärkungen – noch wirkt der Kader äußerst schwach auf der Brust. Schön, dass man scheinbar die Ruhe bewahrt, gewissenhaft im Hintergrund arbeitet und nicht unbedingt die teuerste Lösung einkauft.

Testspiele:

Dienstag, 02.07.2013 Auswärts bei SW Essen (würde ich mir wohl angucken)
Samstag, 06.07.2013 Auswärts beim VfL Bochum
Mittwoch, 10.07.2013 im Haberland-Stadion gegen KV Mechelen

Sonstiges:

Wolfgang Holzhäuser hat den 11Freunden ein Abschiedsinterview gegeben. Wirft durchaus ein anderes Licht auf die Nervensäge der Liga.

Technik:

Der Google-RSS-Reader macht am 01.Juli dicht. Ich teste derzeit Feedbin und den Digg-Reader. Beide noch irgendwo im Beta-Status, aber durchaus mit sehr guten Ansätzen. Feedbin ist kostenpflichtig, aber mit 2 Dollar im Monat erschwinglich. Feedbin wird in Kürze auch von Reeder unterstützt, so dass ich alle Feeds auch auf meinen mobilen Geräten nutzen kann. Digg bietet fürs Iphone ebenfalls eine App an, die aber noch nicht die Funktionalität von Reeder hat.

Buch:

Nicht viel Neues in dieser Sparte. Die Tage einen Text über Theofanis Gekas geschrieben und seinen einminütigen Auftritt bei Portsmouth (obwohl er 6 Monate ausgeliehen war). Inzwischen spielt er in der Türkei und trifft wieder regelmäßig. War ganz interessant zu schauen, was aus dem “Blitz vom Olymp” geworden ist.

“Das ist Fußball”

Seit dieser Saison war ich jetzt schon Oberschiedsrichter in der Bundesliga und in der Champions League. Lange Zeit hatte ich auf den Plätzen der Republik, aber auch in den Stadien Europas Spiele gepfiffen. Habe Trauer und Wut, aber auch Freude und Euphorie vor meinen Augen gesehen. Ich bin mit Flaschen beworfen worden, mit Feuerzeugen und Bierbechern. In einem Spiel landete eine Armlänge von mir entfernt eine Silvesterrakete. Man hat mich bespuckt und beleidigt und unter Polizeischutz aus der Arena geführt. Aber man zollte mir auch Tribut, schüttelte meine Hand, sprach Respekt aus oder ich bekam ein einfaches Kopfnicken zugeteilt. Immerhin musste ich nicht mehr auf die Kreisligaplätze, wo man dies alles noch viel unmittelbarer erfährt. Wo man eher Angst um sein Leben hat. Ich zumindest.

Irgendwann kam der Tag, an dem sich alles änderte. Nach Thierry Henrys Tor gegen Irland – damals 2009. Sein Handspiel und der Sieg Frankreichs gegen Irland in der WM-Qualifikation traten eine Diskussion los. Solche Entscheidungen schaden dem Sport. Der Videobeweis müsse her. Auch zum Schutz der Schiedsrichter. Klang gut, aber wir Unparteiischen ahnten die fortschreitende Mutation des Spiels zum Event. Was dann folgte waren Gespräche in Komitees und Kommissionen, Testläufe und Experimente. TV-Stationen wurden hinzugezogen, wieder ausgeladen um Unabhängigkeit zu gewährleisten, wieder eingeladen um Geld zu generieren. Es wurden Regelbücher geändert und Durchführungsbestimmungen geschrieben. Es dauerte dreieinhalb Jahre bis es zur ersten offiziellen Videobeweis-Saison kam. Diese Saison. Ich hatte nicht mehr die große Lust auf die Diskussionen mit den Spielern, die Rudelbildungen und das ständige Rennen, erst Recht nicht auf ständige Bewertungen meiner Leistungen durch irgendwelche TV-Fuzzis, also meldete ich mich für den Oberschiedsrichter-Job, denn der Fußball war mir immer noch lieb und teuer.

Oberschiedsrichter. Wer ist das? Was macht der eigentlich? Videobeweis? Wie funktioniert das denn nun, werden sie sich fragen. Jedes Team hat während eines Spiels drei Möglichkeiten Schiedsrichterentscheidungen anzuzweifeln und einen Videobeweis zu fordern. Der Trainer des Teams muss bis spätestens 30 Sekunden nach einer Entscheidung zum vierten Offiziellen gehen und Einspruch einlegen. Daraufhin wird das Spiel unterbrochen. Der Oberschiedsrichter kommt ins Spiel. Er sitzt in einer Art TV-Studio, wo er sich die fragliche Szene noch einmal anschauen kann. Nach eingehendem Studium der Szene, entscheidet der Oberschiedsrichter, wie die Szene zu bewerten ist, teilt die Entscheidung dem Schiedsrichter mit, der wiederum via Mikrofon dem Stadion mitteilt, was der Videobeweis ergeben hat. Während dieses Prozess haben die Verbände die Möglichkeit Werbung zu verkaufen, d.h. das zum Beispiel 30-60 Sekunden-Werbeclips, während der Oberschiedsrichter entscheidet, eingespielt werden können. Die Entscheidung des Oberschiedsrichters ist endgültig.

Diese Saison hatte ich 5 Aufträge als Oberschiedsrichter. Ein netter angenehmer Job bisher. Ich sitze in meiner TV-Kabause, bekomme Schnittchen und ein paar Getränke nach Wunsch, sehe das Spiel und muss hauptsächlich Abseitsentscheidungen korrigieren. Passierte genau einmal. Man muss ja zugeben, dass die Schiedsrichter da unten auf dem Platz ihren Job ziemlich gut machen. In der Regel. Egal, ob Premier League, Serie A, Europa oder Champions League.

Diese Woche durfte ich nach Dortmund. Champions League. Viertelfinale. BVB gegen Malaga. Alles ist etwas glamouröser. Man holt den Anzug aus dem Schrank, redet mit der Pay-TV-Crew, Ex-Schiedsrichter-Kollegen und Ex-Fußballstars und die Schnittchen sind statt mit Schinken mit Kaviar belegt. Anders als zuhause in England. Ich erwartete nichts Böses und einen ruhigen Abend. Dortmund war als leichter Favorit ins Spiel gegangen, tat sich jedoch schwer und kassierte früh das 0:1. Erst zum Ende der ersten Hälfte egalisierte das Heimteam das Spiel durch Robert Lewandowski. Guter Mann. Würde ich gerne auf der Insel sehen. Ich war bis dahin arbeitslos. Gut so. Ich freute mich schon auf das Bier danach. 1-2 taktische Videobeweise und dann hätte sich das schon erledigt.

Es kam anders. In der 62.Minute, ich hatte gar nicht drauf geachtet, gerieten Marcel Schmelzer und Jesus Gamez aneinander. An der Seitenlinie. Unnötig. Craig Thompson entschied irgendwie auf Gelb für Gamez. Musste geschimpft haben. Malagas Trainer Pellegrini machte diese Entscheidung jedoch fuchsteufelswild. Er bestürmte den vierten Offiziellen mit der Bitte um Videobeweis. Mein Einsatz. War da was vorgefallen? Die innere Spannung stieg. Die Bilder vom TV-Sender kamen rein. Videostudium. Schmelzer geht da schon ganz schön aktiv mit dem Ellbogen gegen Gamez vor. Gelb? Ja. Hoppala. Das bedeutet Gelb-Rot für Schmelzer. Die Werbung läuft noch. Ich informiere den vierten Offiziellen und der damit Craig. Der ärgert sich. Man sieht es immer, wenn er die Augenbraue so hochzieht. Er will das Telefon und mit mir sprechen. Ich kläre ihn nochmal auf. Eine unangenehme Situation für ihn. Fehlentscheidung und das auch noch mit solchen Folgen.

Er bekommt das Mikro für das Stadion. Gelb für Schmelzer, damit Gelb-Rot. Das Stadion bebt. BVB-Kapitän Weidenfeller und Coach Klopp stehen beim vierten Offiziellen und Craig. Erklärungen. Seit dem Foul sind inzwischen 7 Minuten vergangen. Ich hoffe insgeheim, dass es die letzte strittige Szene ist.

Weit gefehlt. Dortmund kämpft wacker in Unterzahl und erspielt sich viele gute Chancen, die jedoch von Torhüter Willy im Minutentakt entschärft werden. Es kommt, wie es kommen muss. In der 82. Minute taucht Julio Baptista bei einem Konter vor Roman Weidenfeller auf, schiebt den Ball am Keeper vorbei und bedient mustergültig seinen Mitspieler Eliseu, der aus zwei Metern unbedrängt einnetzt. Ich habe schon da ein ungutes Gefühl. Und es kommt, wie es kommen muss. Craig gibt das Tor, doch das Ding war doch Abseits. Und Klopp legt Einspruch ein. Ich kontrolliere. Abseits. Wieder täuschen sich Craig und Co. Das Stadion bebt schon wieder, doch dieses Mal fliegen Bierbecher und wüste Beschimpfungen auf den Rasen. Die Stimmung ist aufgeheizt. Es dauert wieder mehr als fünf Minuten bis es weiter gehen kann. Klopp hat die Zeit genutzt um sein in Unterzahl spielendes Team nochmal neu einzuschwören.

Der BVB wirft alles nach vorne. 4 Minuten Nachspielzeit gibt es. Malaga versucht an der gegnerischen Torauslinie auf Zeit zu spielen. Eliseu und Bender behaken sich, der Ball geht ins Toraus, der Linienrichter zeigt Abstoß an. Pellegrini nutzt die Möglichkeit zum Videobeweis. Taktischer Videobeweis. Klare Geschichte. Abstoß, aber der BVB ist für einen kurzen Moment aus dem Takt. Es kommen nur noch weite Bälle in den Strafraum der Spanier. Und plötzlich passiert das Unmögliche. Schieber kommt vor Willy an den Ball spitzelt den Ball am Keeper Malagas vorbei. Der Ball kullert Richtung Tor und Santana vollendet. Ich bin mir ziemlich schnell sicher, dass Santana im Abseits steht. Craig unten auf dem Platz scheint in der Hektik die Übersicht verloren zu haben. Wer mag es ihm in diesem Hexelkessel verdenken? Malaga setzt den letzten Videobeweis ein. Völlig zu Recht. Auch ich habe die erste Abseitssituation gar nicht erkannt, dabei war die mehr als offensichtlich. Die Szene mit Schieber brauche ich mir gar nicht anzuschauen. Oder? Ich frage nochmal beim vierten Offiziellen nach, welche Szene Pellegrini bewertet haben wollte. Da liegt nämlich die Crux. Der Coach muss den angeblichen Fehler benennen. Gibt es andere Fehlentscheidungen, zählen diese nicht. Er bestätigt, dass es um den Ball auf Schieber geht. Also kein Tor.

Wieder liegen Craig und sein Team daneben. Er hatte heute nicht seinen besten Tag, was ihn das Publikum auch umgehend spüren lässt. Der Linienrichter muss sich aus Sicherheitsgründen erst einmal auf den Platz retten. Das Spiel steht kurz vor dem Abbruch. Stadionssprecher Dickel kann den wütenden Mob nur mit Mühe bändigen. Es ist inzwischen 22:54 Uhr. Das Spiel sollte offiziell gegen 22:30 Uhr enden. Craig pfeift noch einmal an, aber die Luft ist raus. Der BVB schafft es in den verbleibenden 90 Sekunden nicht, den Ball nochmal vors Tor zu bringen. 1:1 der Endstand. Malaga zieht ins Halbfinale ein.

Ich packe genervt meine Sachen zusammen. Das Bier lehne ich dankend ab und mache mich auf in Richtung Flughafen. Wie das Spiel wohl ohne Videobeweis ausgegangen wäre? Man argumentierte ja früher, es würde sich alles ausgleichen. Jetzt auch noch? Ist das Spiel wirklich fairer geworden? Sind die Schiedsrichter nun besser geschützt? Bleibt nicht die Fehlbarkeit des Unparteiischen zurück? Hat er nicht durch den Fehler und den Videobeweis dennoch das Spiel verändert? Und was ist aus dem Spiel geworden? Nur noch ein Event? Ein Event, dass durch drei Videobeweise auf beiden Seiten künstlich aufgeblasen wird. Das als taktisches Mittel eingesetzt werden kann? Jetzt sind es 2 mal 45 Minuten, 15 Minuten Pause und 6 * 5 Minuten Videobeweis? Wann kommt dann der Stadiongänger am Montagabend nach Hause? Gar nicht mehr, weil in der Provinz der zweiten Liga kein Zug mehr fährt? Ich bin genervt.

“Das ist Fußball.”

Angeregt durch diesen Text von Klaus Hoeltzenbein (SZ).

Küchensportpsychologie

Ich komm ja von Haus aus eher von der Sportpsychologie 1, als von der Fußballtaktik. Überhaupt ist in den Zeiten von Taktikblogs die gute alte Psyche der Sportler völlig nebensächlich geworden. Niederlagen werden durch zu weite Abstände zwischen irgendwelchen Verbünden erklärt, die 6er waren zu offensiv und was um Himmels Willen ist eine flache Neun? Sind das die einzigen Gründen für Gegentore, rote Karten und verlorene Punkte?

Nein, nein. Da spielt mehr hinein. So ein Fußballspiel ist ein komplexes Konstrukt. Ein Zusammenspiel von 22 Spielern, 2 Trainern samt Betreuerstab, Ersatzspielern, dem Schiedsrichter mit Linienrichtern, einen vierten Offiziellen gibt es auch noch und die vielen tausend Zuschauer im Stadion sind ja auch noch da. Ein kleines Mosaiksteinchen kann da schon den Unterschied ausmachen.

Mal angenommen, der Balljunge rückt einen Ball nicht an Jens Lehmann raus, dann ist der so genervt, dass der einen Gegentreffer kassiert. Das kann dann schon über Sieg oder Niederlage entscheiden. Klar die flache Neunerbirne hatte vorher den Ball verloren, der 6er war im gegnerischen Strafraum und die Abwehr hat zu viel Platz zum anderen 6er gelassen, aber das ganze ist nun mal ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Taktik ist einer. Psychologie ein anderer.

Beim Spiel Leverkusen gegen Mainz hatte die Psychologie einen ziemlich großen Anteil. Leverkusen war taktisch hervorragend eingestellt und zeigte ein sehr gutes Spiel. Leverkusen belohnte sich mit einem Treffer kurz vor der Halbzeit und führte verdient mit 1:0. Verdient auch, weil man sich ein enormes Chancenplus erarbeitet hatte. 2:0 oder 3:0 hätte es eigentlich stehen müssen und genau da lag das Problem.

Mainz kam mit der ersten richtig guten Chance ins Spiel zurück. Adam Szalai verwandelte mustergültig die erste sich bietene Möglichkeit für die Mainzer. Und genau da fängt es in den Köpfen der Leverkusener Spieler zu rattern an. “Jetzt haben wir so lange gerackert, super gespielt und es steht doch 1:1″. “Unser Aufwand ist enorm hoch, Mainz trifft mit dem ersten Schuss aufs Tor, wie sollen wir denn jetzt noch gewinnen?” “Nochmal so viel Einsatz zeigen wie in den ersten 30 Minuten?” – Können wir nicht, so die Körpersprache der Werkself.

Und Mainz sieht das und macht das Richtige. Weiter spielen, weiter Tore schießen. Beim 1:2 der Gäste fällt dann jedoch wieder der Groschen bei den Leverkusenern. Aufwachen ist angesagt. Mit Erfolg. Am Ende trennen sich Bayer und Mainz 2:2. Taktische Fehler wurden gemacht, aber hätte Leverkusen bereits nach 45 Minuten mit 3:0 geführt, hätten wir ein anderes Spiel gesehen.

Dann hätten wir uns vermutlich darüber unterhalten müssen, warum Bayer es neben der Nationalelf noch schafft, so hohe Führungen zu verspielen. Alles schon gesehen. Erfahrungswerte.

Wie schon im Spiel gegen Stuttgart kann ich persönlich das Positive mitnehmen. Man hat eine klasse Leistung gezeigt, Tore geschossen und war das bessere Team. Die Gegentore wird man auch früher oder später zu verhindern wissen. Das Trainerteam muss vielleicht noch mehr im mentalen Bereich arbeiten, als im taktischen. Den Spielern fehlt noch der Glaube an sich, daran dass man Gegner beherrscht und besiegt. Dass man unbesiegbar ist.

2 Mal konnte man noch zurückkommen nachdem man schon 2:1 zurücklag. Das Wissen, dass man das kann, hat heute geholfen.

 

  1. Ich habe meinen Magister in Sportpsychologie gemacht. Thema: Urteilsverzerrungen bei Eishockeyschiedsrichtern