»Wetten sind die größere Gefahr für den modernen Fußball« – Ronnie Reng im Gespräch

Ronald Reng ist spätestens seit dem »Traumhüter« jedem bibliophilen Fußballfan ein Begriff. Seit dem häuft er für jedes neue Werk massenhaft Preise an. Der breiten Masse wurde er durch die Robert-Enke-Biografie »Ein allzu kurzes Leben« bekannt, in der er nur ein Jahr nach des Torhüters viel zu frühem Ableben, dessen Karriere und seinen Kampf mit Depressionen beschreibt. Seit Juli ist seine Bundesliga-Chronik »Spieltage. Eine andere Geschichte der Bundesliga« auf dem Markt. Darin beschreibt Reng 50 Jahre Bundesliga am Spieler und Trainer Heinz Höher.

Die Nation feierte jüngst das 50-jährige Jubiläum der besten Liga der Welt. Die Bundesliga war passend dazu mit zwei Teams im Champions-League-Finale vertreten, Starspieler reißen sich um Verträge in der Liga und der Wundertrainer Pep Guardiola coacht nun den FC Bayern München. Ist der Hype berechtigt?

Ich weiß nicht, ob sie nun in Senegal oder Burma tatsächlich darauf warten, dass es Samstag, 15.30 Uhr, wird, um VfL Wolfsburg gegen VfB Stuttgart zu schauen. Aber der Fußball in der Bundesliga hat unverkennbar einen enormen Qualitätssprung gemacht. Vielleicht habe ich nicht die richtigen Kritierien, weil ich vor 17 Jahren aus Deutschland wegzog und erst seit einem Jahr wieder da bin, aber gemessen an dem letzten, was ich vor meiner Emigration 1996 sah, nämlich Eintracht Frankfurt unter Trainer Horst Ehrmantraut, ist der heutige Bundesliga doch ein klein wenig schneller, präziser und unterhaltsamer geworden. Da darf sich die Bundesliga schon mal feiern, und natürlich muss dann auch richtig übertrieben werden mit Ausdrücken wie »beste Liga«, »Starspieler«, »Wundertrainer«. Denn Feiern ist immer mit Übertreibung verbunden, oder hast Du schon mal in aller Bescheidenheit gefeiert?

Ich bin mir sicher, dass sich selbst Uli Hoeneß ab und an abends eine Flasche Schampus aufmacht und seinen Verein ganz still und leise feiert – wobei er im Moment wohl eher wenig Grund zur Freude hat. Glaubst du, dass diese prägende Figur Hoeneß vom hohen Sockel fällt und die Bundesliga verlässt?

Ich finde Hoeneß‘ menschliche Widersprüchlichkeit höchst faszinierend: Einerseits den Moralapostel der Nation spielen, andererseits selbst offenbar Steuern im großen Stil hinterziehen. Aber über Hoeneß quatschen sowieso schon viel zu viele Leute, da muss ich gewiss nicht auch noch anfangen. Ein Richter wird über ihn richten, und das ist auch gut so.

Auch Heinz Höher, Protagonist deines neuesten Werks »Spieltage – die andere Geschichte der Bundesliga« hat eben diese auf seine eigene Art geprägt. Wie kam es zu dieser alternativen Bundesliga-Chronik?

Er stand irgendwann in Barcelona vor meiner Wohnungstür, weil er meine Robert-Enke-Biographie gelesen hatte. Er betreut auch mit 75 als sportlicher Ziehvater den Profifußballer Juri Judt und fürchtete damals, vor zwei Jahren, Juri könnte wie Robi Enke an Depressionen leiden. Deshalb erhoffte er sich Rat von mir. So haben wir angefangen zu reden. Irgendwann hatte Herr Höher mir sein Leben erzählt: Kleinstadt-Star als Kapitän von Bayer 04 Leverkusen um 1960, später 20 Jahre Bundesligatrainer, hochintelligent und wortkarg, Fußballvisionär und Alkoholiker. Da kam mir der Gedanke: Mensch, wie wäre es, 50 Jahre Bundesliga am Leben eines Mannes, eines vermeintlich ganz normalem Bundesligaspielers und –trainers zu erzählen? Juri Judt hatte damals übrigens keine Depressionen. Er hatte nur keinen Bock auf Fußball, weil er beim 1. FC Nürnberg auf der Ersatzbank saß.

Höher erscheint im Buch als tragische Figur. Oft verkannt und missverstanden, mit vielen neuen Ideen, ein akribischer Arbeiter, aber verschlossen und menschlich nicht massenkompatibel. Was fehlte letztlich zur großen Trainerkarriere?

Er hatte schon eine mehr als ordentliche Trainerkarriere, Chef in gut 400 Bundesligaspielen bei Bochum, Duisburg, Düsseldorf, Nürnberg. Aber es stimmt, als junger Trainer in der Bundesliga war er einmal der Mann der Zukunft, und den Sprung zu den ganz großen Vereinen hat er nie gemacht. Ich glaube, ein Hauptgrund war ein ganz sympathischer: Er war ein bisschen bequem. Sehr schnell war er zufrieden mit dem, was er hatte, König von Bochum, Held in Nürnberg. Er bemühte sich nicht, unbedingt weiterzukommen. Schon alleine diese Umzüge, die bei Vereinswechseln nötig waren – wie er Umzüge hasste! Einmal ordnete er ein Trainingslager vor einem Freundschaftsspiel an, um sich so vor dem eigenen Umzug zu drücken. Seine Frau und Freunde musste dann die Möbel ohne ihn schleppen.

Höher packt einige für ihn sicherlich dunkle Kapitel aus seinem Leben aus. Spiel- und Alkoholsucht, aber auch der imaginäre Gesprächspartner Winzlinger sind Geschichten, die man nicht mal eben erzählt. Wie gehst du als Autor mit solch sensiblen Themen im Gespräch mit den Protagonisten um?

Heinz Höher ist 75, dieses Buch war auch eine Art Bilanz zu ziehen für ihn. Von daher hatte er kein Bedürfnis, Sachen zu verschweigen; im Gegenteil, er sah dieses Buch als Chance, bei seiner Familie und vielen Freunden durch schonungslose Offenheit Abbitte zu leistend für so manchen Fehltritt. Ich denke und hoffe: Wenn Du als Autor mit viel Empathie für den Protagonisten schreibst, kannst du auch seine Schattenseiten zeigen, ohne ihn bloß zu stellen.

Welche Geschichte in 50 Jahren Bundesliga hat dich wirklich überrascht?

Dass der Meidericher SV in gewisser Weise das Vorbild des heutigen, legendären FC Barcelona war: Wie heute Barca, holte Meiderich zu Bundesligabeginn 1963 seine Spieler fast ausschließlich aus der eigenen Jugendelf, gut 15 der 20 Profis kamen aus Mittel- oder Ober-Meiderich. Wo Barca das berühmten Jugendleistungszentrum La Masia vorweist, hatte der MSV allerdings nur den Wirt der Vereinsgaststätte. Der trainierte die A-Jugend.

Das Kapitel über den Bundesliga-Skandal fand ich persönlich besonders spannend, weil er vor meiner Zeit passierte und zeigt wie die Bundesliga mit kritischen Ereignissen damals umging. Welche kritischen Themen erwartet die Liga in den nächsten Jahren? Doping? Wettskandale? Und wie würde die DFL und der DFB reagieren?

Wetten sind die größere Gefahr für den modernen Fußball als Doping. Doping kommt natürlich auch im Fußball seit eh und je vor, allerdings nach meinen Recherchen in keinster Weise so flächendeckend oder systematisch wie in reinen Ausdauer- und Kraftsportarten. Das läuft im deutschen Fußball wohl eher auf der Ebene ab, dass hier und dort ein einzelner Fußballer einen Arzt kennt, der ihm zeigt, wie er die Regenerationszeit zwischen den Spielen verringern könnte. Aber einen Teamarzt, der die gesamte Mannschaft nach einem Dopingplan versorgt, gibt es nach meinen Wissen – das auf aufrichtige Privatgespräche mit etlichen Profis fußt – in der Bundesliga wohl nicht. Die Wettmanipulation dagegen ist so heikel, weil die Gauner zum Teil in irgendwelchen asiatischen Hinterzimmern sitzen, ihr Geld in illegalen Wettbüros setzen, und also auch nicht vom Frühwarnsystem der offiziellen Wettbüros erfasst werden. Und es braucht nur einen Abwehrspieler, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt, ein Stürmer, der in schlechten Kreisen verkehrt, um ein Spiel zu manipulieren.

Bist du an irgendeiner Stelle deiner Recherchen auf verschlossene Türen gestoßen?

Nein – ach, doch! Bei der Bayer AG! Ich wollte wissen, was ein Chemie-Ingenieur bei Bayer 1960 verdiente, um das damalige Fußballergehalt von Heinz Höher von 2000 Mark im Monat einordnen zu können. Und die Presseabteilung von Bayer verweigerte mir tatsächlich die Auskunft. Da sieht man mal, wie paranoid Presseabteilungen heutzutage sind. Ich weiß nicht, was sie befürchteten; dass ich irgendeinen Pseudo-Skandal lostreten wollte, »Bayer 04 zahlte Fußballern zu viel!«, oder so. Na ja, ich habe dann einfach meinen Vater gefragt: Der war auch Chemie-Ingenieur, zwar bei Hoechst, aber ich gehe davon aus, dass die Gehälter bei Hoechst und Bayer vergleichbar waren.

Dein Buch beschreibt auf wunderbare Art und Weise den Wandel der Medien und deren Aufbereitung der Liga. Michel Massing (The Next Bryk Thing) beschreibt den heutigen Zustand als O-Ton-Manie der Zunft. Siehst du das ähnlich und was hat sich positiv, deiner Meinung nach, verändert?

Die Sucht nach Fußballer-Zitaten ist in der Tat exzessiv, nicht nur im Fernsehen, auch in den Zeitungen: Ständig gibt es ganzseitige Interviews; vergleichbare lange Reportagen aber gibt es in den Sportteilen nie mehr. Warum räumen die Sportredakteure dem Wort der Fußballer so viel Raum ein? Sollten wir, die Schreiber, den Sport mit Worten nicht besser erklären können als die Sportler?

Das Aktuelle Sportstudio zeiht sich als roter Faden durch dein Werk. Kann die Sendung noch mit der Liga mithalten, was die Modernität angeht?

Das größte Problem des Aktuellen Sportstudios ist, dass es im Internetzeitalter auf dem Sendeplatz um 23 Uhr nicht mehr aktuell sein kann, aber per Vertrag mit der DFL noch einmal alle Bundesligaspiele zeigen muss, die alle schon längst auf Sky oder in der Sportschau gesehen haben. Das nimmt der Sendung von vorneherein die Chance, ein echtes, ein besonderes Hintergrundprogramm zu werden.

Du hast es gesagt, du warst 17 Jahre in Spanien, spielen die Medien dort ähnlich?

In Spanien gibt es den Aufregungsjournalismus noch einmal in anderen Dimensionen: Jeden Tag vier Sportzeitungen und im Fernsehen etliche Fußballtalkshows sorgen dafür, dass die journalistische Hysterie nie abnimmt. Da ist etwa Leo Messi nach zwei Spielen ohne Tor erloschen, fertig, dem Karriereende nahe, und nach dem nächsten Wundertor schon wieder der beste aller Zeit. Aber – vielleicht weil solch extremer Journalismus Gegenextreme provoziert – es gibt in Spanien auch die beste Fernseh-Sportsendung Europas: Informe Robinson, mit tiefgehenden Hintergrundstücken.

Zeit für unangenehme Fragen. Deine Werke erhalten inzwischen in schöner Regelmäßigkeit große Preise. Erst gestern wurde dir der NDR Kultur Sachbuchpreis verliehen. Welche Bedeutung haben solche Auszeichnungen?

Der NDR Kultur Preis für das beste Sachbuch des Jahres war schon ein Schocker: unter rund 50.000 Sachbüchern, die dieses Jahr wieder in Deutschland erscheinen, von all diesen klugen, intellektuellen, hochkulturellen Jury-Mitgliedern für ein Fußballbuch ausgezeichnet zu werden, war ja, na ja, nicht gerade zu erwarten. Man kann es allerdings auch so sehen: Nach diesem Preis kann es für mich als Schreiber nur noch bergab gehen.

Ronnie Reng wird am Donnerstag, den 14. November im Stadioneck in Leverkusen aus seinem Buch lesen. Tickets gibts hier.

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