Interview mit Martin Krauß

Auch im zweiten Interview liegt der Schwerpunkt klar beim Thema Doping, aber auch hier wird der Fußball nicht außen vor gelassen. Im Gespräch Martin Krauß, freier Journalist, dessen Texte in der Jüdischen Allgemeinen, im Freitag und in der taz erscheinen. Nebenbei betreibt er das Kraussblog und ist Autor bei Sportswire. Er veröffentlichte zusammen mit Rolf-Günther Schulze das Buch “Wer macht den Sport kaputt? Doping, Kontrolle und Menschenwürde

Herr Krauß, die mediale Gesellschaft ist inzwischen was Doping angeht, so weit geprägt, dass wenn sie einen Radfahrer oder Schwimmer im Fernsehen sieht, sie direkt an unerlaubte Leistungssteigerung denkt. Zu Recht?

Hm, äh, nein. Wenn’s ja nur dazu führte, dass man genauer hinguckte und sich für die Entstehungsbedingungen sportlicher Leistung interessierte, dann wär’s ja zu begrüßen. Aber die Dopingunterstellung funktioniert leider anders: Da sieht man, wie ein Mensch sehr schnell ist, also beispielsweise deutlich unter zehn Sekunden über 100 Meter läuft. Prompt glaubt man nicht mehr, dass es eine menschliche Leistung ist, die man da gesehen hat. Da sorgt der Sport dafür, dass aussortiert wird, wer als Mensch, also als Erbringer menschlicher Leistungen zu gelten hat: Wer bestimmte Blut- und Urinwerte hat, gehört nicht mehr dazu, auch wer beispielsweise seinen Unterschenkel verloren hat wie der südafrikanische Läufer Oscar Pistorius, darf nicht mehr mitmachen, denn: Gesucht wird der schnellste Mensch. Ideologiekritisch betrachtet ist das eine ganz schlimme Geschichte, was sich Sport und Sportöffentlichkeit hier leisten.

Der Eindruck entsteht, dass sich etwas ändern muss. Müssen wir uns ändern oder der Sport? Wie und wo kann man das Übel anpacken?

Das weiß ich nicht. Mir selbst gefällt Sport weiterhin, besonders der große Sport, der Weltklasseleistungen produziert. Und weder das Wissen, dass da Geld bezahlt wird, noch das Wissen, dass da mit Pharmazie oder anderen chemischen Produkten gearbeitet wird, noch das Wissen, dass im Trainingsalltag mitunter politisch sehr unkorrekte Sätze formuliert werden, bringt mich von meiner Liebe zu großem Sport weg. Wer aber sagt, er wolle aus diesem oder jenem oder doch diesem Grund vom Sport nichts mehr wissen, der soll dies für sich so entscheiden. Das ist völlig okay. Wer will, kann ja auch die Rockmusik hassen, weil da Drogen im Spiel sind (habe ich zumindest gerüchteweise gehört).

Gehen wir das ganze doch mal andersherum an. Würden Sie den großen Sport auch immer noch so gerne gucken, wenn Sie wüssten, dass ganz offiziell mit Pharmazie nachgeholfen wird? Wenn das so genannte Doping erlaubt ist? Wäre eine solche Regelung sinnvoll?

Ja, ich würde ihn wohl gucken und lieben, aber mit Problemen. In aller Kürze formuliert: Auf der einen Seite muss man Sportler in gewisser Weise vor sich selbst schützen, also vor den Auswirkungen dessen, was der Konkurrenzkampf ihnen aufzwingt. Man kann es mit den Lkw-Fahrern vergleichen, die vom ökonomischen Konkurrenzdruck dazu gebracht werden, völlig übermüdet durchzufahren und damit sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer gefährden. So wie man die zur Einhaltung ihrer Pausen zwingen muss, muss man Sportler auch dazu zwingen, sich nicht dem konkurrenzvermittelten Zwang zu beugen, alles zu schlucken, was ihre Position in der Sportkonkurrenz verbessern könnte.

Das ist die eine Seite. Die andere ist aber die Antidopingpraxis, und da gibt es eine Reihe sehr prekärer Punkte: Dopingkontrollen sind beispielsweise Urin- oder Bluttests. Urintests werden unter “Sichtkontakt” genommen, d.h. dass der Kontrolleur männlichen Sportlern während des Pinkelns auf den Schwanz glotzt und dass bei Sportlerinnen die Scheide ständig betrachtet wird. Die Hose der Sportlerin muss übers Knie runter gezogen sein, es gab oder gibt meines Wissens auch eine Knie-an-Knie-Vorschrift, dass also die Kontrolleurin ihre Knie an die Knie der Sportlerin drücken muss. Bei der vorletzten Leichtathletik-WM, 2007 in Osaka, wurden die Scheiden der Sportlerinnen mit Spiegeln ausgeleuchtet. Das sind dramatische Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre von Menschen! Nebenbei gesagt liegt gegen die Menschen, die so gedemütigt werden nichts vor, kein Verdacht, kein Indiz. Die müssen sich das bloß deshalb gefallen lassen, weil sie Spitzensportler sind. Und weil es ein von niemandem demokratisch kontrollierter Verband bzw. eine Behörde, das ist mittlerweile die Weltantidopingagentur (Wada) es so ausgetüftelt hat.

Sportler müssen auch, damit die Kontrolleure sie jederzeit zu dieser entwürdigenden Urinierprozedur zwingen können, stets ihren Aufenthaltsort bekanntgeben. Auch das ein dramatischer Eingriff in die Bürgerrechte von Sportlern. Was Bluttests angeht, wird von Sportlern der Verzicht dessen verlangt, worauf man in der europäischen Verfassungsgeschichte sehr stolz ist: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Blutentnahmen, die es sonst gibt – etwa, wenn jemand erwischt wird, wie er besoffen Auto fährt – dürfen nur aufgrund einer gesonderten richterlichen Anordnung und im begründeten Einzelfall erfolgen. Im Sport gelten solche Rücksichtnahmen auf die elementarsten Menschenrechte nichts.

Wenn Sportler entweder überführt werden oder sich weigern, diese Prozedur mit sich machen zu lassen, droht ihnen als Strafe das Verbot der Sportausübung, bei Profis ist das ein Berufsverbot, das von paar Wochen über zwei oder vier Jahre bis hin zu lebenslänglich reichen kann. Dass Berufsverbote verfassungsfeindlich sind (und Ausnahmen, etwa bei Ärzten oder Rechtsanwälten, nur unter strikten Auflagen und genauer Prüfung verhängt werden können), interessiert niemanden. Es ist ja noch nicht mal der Staat, der Berufsverbote verhängt, sondern es sind die Sportverbände.
Und, ein weiterer Punkt, in der Antidopingpraxis wird von Athleten etwas verlangt, was es gar nicht geben kann: Die Rede ist immer von einem sauberen Körper, einer natürlichen Leistung, etwas Reinem, Unberührten. Da wird ein Körperbild propagiert, das mit der Realität weniger zu tun hat als etwa mit den Leibesidealen von Arno Breker oder Leni Riefenstahl. Die hatten sich die (in ihrem Fall: arischen) Menschen immer so vorgestellt, dass diese nackt und rein ihre Überlegenheit gegenüber allem Durchmischten und Durchrassten beweisen. Die Realität aber ist ja, dass Menschen und menschliche Körper vergesellschaftete Produkte sind: Wir essen kein Gras mehr und saufen keine Pfützen mehr leer, sondern wir nehmen Nahrung zu uns, die in gesellschaftlicher Arbeitsteilung produziert wird. Das ist einer von vielen Faktoren, die die evolutionäre Veränderung des Menschen und menschlichen Körpers bewirken. Das zu bestreiten, halte ich im höflichsten Falle für undurchdacht, im unhöflichsten Falle für völkisches Geschwätz.

Es findet sich aber im Sportjournalismus ständig: Nach dem grandiosen 9,58-Sekunden-Weltrekord über 100 Meter von Usain Bolt war wieder in diversen Blättern von “Freakshow” zu lesen. Da wird den Läufern schlicht und einfach ihr Menschsein abgesprochen. Im Blog, den der Kollege Jens Weinreich zur Leichtathletik-WM in Berlin betrieb, schreibt er über die 4-mal-100-Meter-Staffel der Frauen: “Jamaika bleibt eine halbe Sekunde über dem Weltrekord. Deutschland Dritter hinter den Bahamas – in einer Zeit, die ich menschlich nenne: 42,87 Sekunden.”

Das dahinter stehende Gedankengebilde ist offensichtlich: Wirkliche Menschen können nicht so schnell laufen; wer aber doch so schnell läuft, hat sich sich mittels Doping von seiner menschlichen Existenz wegtransformiert.
Weil ich solche und noch paar andere Punkte so schwerwiegend finde, neige ich in der Abwägung eher zur Forderung nach Freigabe – gleichwohl natürlich mit der naiven Hoffnung, dass via Aufklärung keine der klassischen Dopingmittel (Anabolika, Epo etc.) genommen werden. Wenn es eine intelligentere und mit den Menschenrechten verträgliche Lösung gäbe, würde ich das sehr begrüßen und zöge meine Freigabeforderung sofort zurück. Leider wird in diese Richtung bislang nicht mal gedacht.

Während der Leichtathletik-WM stand der Diskuswerfer Robert Harting im Blickpunkt der Medien. Neben äußerst unbedachten Äußerungen in Richtung der DDR-Dopingopfer hatte er zudem noch vor der WM laut über die Dopingfreigabe nachgedacht. Ein Aufschrei folgte, speziell mit dem Hintergrund, dass Hartings Trainer aus dem DDR-Dopingsystem kommt. Nach dem Harting dann Gold gewann, jubelten die meisten nur noch über des Deutschen ersten Platz. Ist eine objektive Berichterstattung noch möglich?

Eine kritische und hintergründige Berichterstattung wäre möglich, gewiss. Aber in der konkreten Konstellation rund um Robert Harting wüsste ich nicht, wie sie aussehen könnte. Harting hat sich ja in der Tat nicht allzu helle geäußert: Das trifft auf seine früheren wie auf seine jüngsten Äußerungen zu. Aber beispielsweise die Kritik an der Einschränkung der Bürgerrechte durch die Antidopingmaßnahmen greift – auch ohne Harting – in immer größerem Umfang um sich. In Belgien haben gerade 65 Sportler eine Sammelklage beim obersten Gericht eingereicht. Vor diesem Hintergrund könnte man vielleicht eher über die Sinnhaftigkeit der Antidopingmaßnahmen sprechen. In Deutschland, so scheint mir, ist die Diskussion sehr verkorkst und könnte ein wenig Niveau gebrauchen – das gilt, wenn man so will, für beide Seiten.

Im Moment ist es so, dass es Doping-Reglementierungen im Sport gibt. Sportler brechen diese Auflagen, aber wenige gehen gegen die Praktiken der Dopingagenturen vor. Müssten sich nicht auch die Sportler in irgendeiner Art und Weise stark machen für vernünftige Anti-Doping-Praktiken oder eine Freigabe? Die Sammelklage der belgischen Sportler ist da nur ein Anfang, oder?

Es gibt zwar immer mehr, aber unterm Strich noch sehr wenige Sportler, die sich wehren. In Deutschland etwa die Mountainbiker Lado und Manuel Fumic, zwei Brüder, die mittlerweile mit slowenischer Lizenz fahren. Sie berichten, dass sie viel Zuspruch von anderen Sportlern erhielten, aber hinter vorgehaltener Hand. Ob das stimmt, weiß ich nicht.
Ansonsten stimmt die in ihrer Frage anklingende Vermutung: Sportler sind in der Zwickmühle. Sie müssen einerseits in dem Klima des Generalverdachts, dem alle ausgesetzt sind, sich ein wenig absetzen, um als glaubwürdige, saubere, sponsorenkompatible und vorbildtaugliche Athleten zu gelten. Andererseits müssen (oder sollten) sie auch ihre Privatsphäre verteidigen – doch das wird schwierig, wenn man auch von der Öffentlichkeit, nicht mal von der linksliberalen, darin unterstützt wird. Für die Freigabe oder gegen die repressiven Antidopingpraxen sprechen sich meist nur Athleten aus sehr kapitalisierten Sportarten aus: etwa die Williams-Schwestern im Tennis oder Bode Miller im alpinen Skisport. In deren Sportarten ist der Einfluss der Verbände, die die Wada tragen, eher niedrig. Und außerdem sind sie dank ihrer Erfolge schwerer angreifbar. Auf der anderen Seite und in weniger kapitalisierten Sportarten, also den klassischen olympischen Disziplinen gibt es sogar Sportler, die dafür plädieren, dass Chips unter die Haut plantiert werden – das fordern etwa die Siebenkämpferin Carolina Klüft und der Hochspringer Stefan Holm. Oder es gibt Sportler, die für unangekündigte Razzien plädieren – so etwa die frühere Schwimmerin Antje Buschschulte. Natürlich gibt es aber auch besonnene – wie etwa der frühere Diskuswerfer Lars Riedel. Er plädiert für intelligentere Kontrollen und macht auch konkrete Vorschläge: dass man etwa mit Haaranalysen operieren solle, wie es in einigen Ländern in der Kriminologie schon selbstverständlich ist. Das würde zwar einige Probleme, wie das Verhängen von Berufsverboten, immer noch bestehen lassen, aber immerhin wären die entwürdigenden und diskriminierenden Eingriffe in die Privatsphäre vorüber. Das wäre ja schon mal eine begrüßenswerte Heranführung des Sports an die Zivilisation.

In diesem Jahr sorgte der Fall Hoffenheim in der Bundesliga für großes Aufsehen. Zwei Spieler kamen zu spät zur Dopingprobe. Nach langem hin und her, wurden die Spieler frei gesprochen und der Verein bekam eine Geldstrafe verpasst. Für viele Menschen ist Fußball ein Sport, in dem Doping keinen Sinn macht. Warum?

Um zu wissen, ob es sportlich sinnvoll wäre, müsste man ja zunächst wissen, was es ist. In der Regel weiß man das gar nicht. Doping ist nicht die Einnahme leistungssteigernder Mittel: Es gibt solche Mittel, die sind erlaubt und solche, die sind verboten. Doping ist auch nicht die Einnahme gesundheitsgefährdender Mittel – auch hier gibt es sone und und sone. Doping ist vielmehr immer nur das, was gerade von der Wada als Doping bezeichnet wird. Die Dopingfälle, die es bislang meist im Fußball gab, sind entsprechend hirnrissig: der Appetithemmer von Roland Wohlfarth, Ephedrine, die in den Körper gelangen, weil jemand gegen seinen Husten Wick Medinait genommen hatte oder ein paar Fälle von Leuten, die Wochen vorher mal gekifft hatten oder in einem Raum waren, in dem gekifft wurde. Das sind alles Dopingverstöße, die auch bestraft wurden.
Ob Doping, verstehen wir es mal anders als die Wada als von Medikamenten unterstützte Leistungssteigerung, im Fußball wirklich sinnvoll ist, weiß ich nicht. Fälle gab es ja: Olympique Marseille oder Juventus Turin. Aber ob da nicht viel psychologische Unterstützung, etwa im Sinne von Placebo-Effekten, im Spiel war, vermag ich nicht zu sagen.

So wie es scheint, sind aber Verbände und auch die Politik daran interessiert diese Dopingfälle möglichst klein zu halten. Auch die Fuentes-Akten sollen ja Fußballer beinhalten, doch erstaunlicherweise wird dem nicht weiter nachgegangen. Auch in den Medien liest fast nicht zu diesem Thema. Wie kommt das?

Es fällt mir schwer zu glauben, ob wirklich Fälle von solch interessierten Kreisen klein gehalten werden oder wurden – was ja ganz nebenbei eine Aussage über die angebliche Macht solcher Kreise, sich gegen die Wahrheit zu verschwören, beinhaltet. Solche Vorstellungen über eine angeblich totalitäre Realität im westlichen Sport und über schlimmste Propaganda- und Verschwörungsoffensiven liest man zwar des Öfteren, noch häufiger schwingen sie implizit mit – aber es bleiben dennoch haltlose Verschwörungstheorien. Von denen halte ich in diesem und auch in anderen Fällen sehr wenig.
Betrachten wir es doch einfach mal andersherum: Es könnte ja auch sein, dass man im Grunde schon mehr über das Thema Doping und Fußball liest, als es von der Sache her begründet ist. Wie gesagt: Das Gros der Fußball-Dopingfälle waren Kiffen, Hustensäfte, verpasste Kontrollen etc. Ich bin fest überzeugt davon, dass Doping viel zu oft und viel zu vereinfachend zur Erklärung von so etwas Komplexem wie sportlicher Leistung benutzt wird.

Vielen Dank für das Interview.

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  4. Auch wenn es meist über den Fußball hinausgeht: Thema gut umgesetzt. Die Krone wäre nun eine Weinreichsche Erwiderung. Dann die besten Zitate aus den Interviews, vermischt vielleicht mit der eigenen Meinung – und fertig ist ein wunderbarer Denkanstoß. Denn so einfach ist das alles nicht, ich selbst habe das Krauß-Buch komplett durchgeschmökert wie auch den Weinreich intensiv verfolgt; und für viele, die zu dem Thema herumkrakeelen wäre das schon mal ein Anfang.

    Danke für deine Arbeit.

  5. danke dir! ich muss zugeben, dass ich mich sehr schwer getan habe mit dem interview. ich finde viele dinge gut und richtig, die die beiden sagen, kann aber auch punkte der doping-gegner verstehen. einen weinreich-kommentar habe ich schon angedacht. wo wir beim nächsten thema wären, nämlich den artikel von herrn kamke, der sich auch nochmal gut und spannend mit dem thema auseinander setzt.

    http://angedacht.wordpress.com/2009/09/02/dopingfreigabe-be-catenaccio/

  6. Die Thematik ist in der Tat sehr schwierig, und auch wenn ich auf eine etwas intensivere Diskussion gehofft hatte, kann ich doch verstehen, dass die Meinungsäußerungen nicht so sprudeln. Das liegt meines Erachtens zum einen sicherlich am Baade-Jako-Schatten, den Du selbst bei mir drüben schon angesprochen hast, zum anderen in hohem Maße daran, dass man sich eigentlich noch deutlich intensiver mit dem Thema befassen müsste, um sich fundiert zu äußern (das sollte mir wohl zu denken geben), wie nolookpass bereits deutlich gemacht hat.

    Das von ihm (nolookpass) angesprochene Format, wonach Du eine Essenz aus den Interviews und eigener Meinung hier zur Diskussion stellst, wäre vermutlich eine für den Leser einfachere Kommentargrundlage (stünde aber auch im Widerspruch zu Deinem bisherigen Ansatz, die Interviews quasi unkommentiert zu veröffentlichen).

  7. Ok – das werde ich mir mal überlegen. Nichtsdestotrotz gibt es glaub ich trotzdem viele informierte Leser (siehe bei jw), die sich mit dem thema gut auskennen. und eine derart kontroverse meinung schreit quasi nach diskussion.

  8. Es gibt gewichtige Argumente GEGEN eine Dopingfreigabe.

    Hier wird mir erstens ein wenig zu sehr der Spitzensport, den wir im Fernsehen sehen, und der Teil der “Kultur- und Unterhaltungsindustrie” geworden ist, als Beispiel genommen. Aber wer sind die Akteure in diesem Zirkus? Athleten, die schon als Minderjährige sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren. Ich will jetzt nicht das von Verbänden gerne benutze und etwas altbackene Vorbildweltbild als Argument ins Feld führen, aber trotzdem:
    Das Signal einer Dopingfreigabe wäre für den Breitensport und den Jugendsport fatal. Es wäre von Anfang an für jeden Jugendlichen klar, dass der Traum, der Weg nach oben, nur über pharmazeutische Mittel geht. EPO fürs Sportabi? Warum denn dann nicht?

    Wenn man weiterhin überlegt, was einem den Sportveranstaltungen, die man als Betrachter verfolgt fasziniert, kann man da durchaus differenzieren. Da gibt es einerseits die Inszenierung der Veranstaltung, die Tradition der Tour, den Charakter der Top-Athleten, die ästhetische Komponente vom Fußballspiel, etc. Für diese Bereiche ist es vielleicht nicht so entscheidend, ob der Hauptakteur gedopt hat oder nicht. Es gibt aber noch eine weitere Dimension bei der Wahrnehmung von Spitzensport: Das Echtheitsversprechen der erbrachten Leistung. Das ermöglicht es mir als Betrachter, die Leistung zu bewundern. Vielleicht kocht die Dopingdiskussion deswegen auch im Fußball nicht so hoch, weil hier Dinge im Fokus der Bewunderung stehen, für die es keine Hilfe gibt (Technik) Das man diese Technik mit leistungssteigernden Mitteln wegen besserer Fitness in der 119. Minute besser abrufen kann, wird gerne vergessen. Und vielleicht ist die Diskussion beim scheinbar rein athletischen 100-Meter-Lauf deshalb so präsent. Mit einer Dopingfreigabe wird das Echtheitsversprechen der erbrachten Leistung aber unwiderruflich aufgegeben und wäre ich Hobbyradler könnte ich immer sagen “ach mit dem Dingsmittel könnte ich das ja auch”. Damit würde der Spitzensport sich als oberstes Ende des gesamten Komplexes Sport endgültig von diesem Gesamtding Sport abkoppeln und damit langfristig überflüssig machen. Wieso bräuchte man noch Olympia? Es gäbe dann nur noch Sportveranstaltungen, bei denen die anderen Komponenten vorhanden sind, so dass man sie dauerhaft im Fernsehen sehen will, egal wie die Leistung ist. Beim Fußball mag das gehen, da wird ja auch jedes Zweitligaspiel übertragen, Boxen wird auch regelmäßig und scheinbar unabhängig von der Leistung der Aktiven übertragen …

    Weiterer Punkt. Ein Vergleich von Sport mit Musik oder Kunst (Zitat: “Wer will, kann ja auch die Rockmusik hassen, weil da Drogen im Spiel sind”) ist meiner Meinung nach nicht zulässig. Im Gegensatz zur Kunst produziert der Sport kein “Werk” und keine Botschaft. Wenn Michael Ballack einen Schuss ins Tor zimmert, hat das keine Aussage, ist kein Kunstwerk. Außerdem stehen Künstler nicht in einem direktem Wettbewerb miteinander sondern schaffen etwas, was danach für sich alleine stehen kann. Das Ergebnis mag mit Drogen zustande gekommen sein, es steht aber danach für sich alleine und ist vom Urheber abgekoppelt. (Deswegen eignet sich Sport auch so gut für Werbung, die Botschaft kollidiert nicht mit der Botschaft des Werkes. Ein Goethe-Darsteller mit einem REWE-Trikot käme irgendwie komisch) Und weil der Sport so ein eigenständiges Ding ist, kann man hier auch nicht liberale, kommunistische oder konservative Muster aus anderen Gesellschaftsbereichen anwenden.

    Ich gehe mal bewusst nicht auf die Debatte “Was ist denn überhaupt Doping” ein. Na klar, ist das schwierig. Ich fands auch lächerlich, dass Ross Rebagliati wegen einem Joint seine Goldmedaille im Snowboard verlieren sollte. Durch Kiffen steigert man bestimmt nicht seine Leistungsfähigkeit auf einem steilen Abhang.

    Und na klar ist das blöd, wenn die Privatsphäre der Sportler durch Dopingkontrollen massiv angegriffen wird.

    Aber nehmen wir mal an, es gäbe eine vertrauenswürdige Instanz, die sagt, “das und das ist Doping” und es gäbe einen Konsens unter den Sportlern “wir wollen uns lieber duellieren, ohne das Risiko einzugehen, mit 50 tot umzufallen” dann wären die Dopingsünder wirklich Einzeltäter und könnten mit gut organisierten Kontrollen gefunden werden. Das wäre natürlich ein hochvariables System, Medikamente ändern sich, Substanzen ändern sich und es gibt sicherlich Reibungsverluste. Aber nehmen wir mal an, dass würde funktionieren (Ein naives Ideal, ich gebe es ja zu): Niemand würde ernsthaft eine Dopingfreigabe fordern. Und das sollte man doch das Ziel sein.

    Eine Dopingfreigabe wäre für mich die Kapitulation vor einem verknöchertem System der Funktionäre und Verbände, der “Ohne Zuckerwasser gewinnst Du nicht die Tour”-Typen und der nicht immer klugen und von eben jenen “alten Recken” verblendeten Sportlern.

    Und um noch einmal auf die Betrugsdiskussion zurückzukommen: Die gedopten Radprofis sind in dem Moment Betrüger, in dem sie erzählen, dass sie sauber sind obwohl sie was eingeschmissen haben. Völlig egal, ob alle anderen auch gedopt sind. Wenn Jan Ullrich gesagt hätte, “ich habe gedopt” erst dann hätte er auch sagen dürfen “ich habe nicht betrogen” (gesetzt den Fall wirklich alle anderen Tour-Teilnehmer waren ebenfalls gedopt). Aber das sagt ja nie jemand.

  9. Das Argument, man müsse Leute vor sich selbst schützen halte ich für absolut zynisch – man muss Leute niemals vor sich selbst schützen, sondern vor Systemen, die Selbstausbeutung und -zerstörung honorieren oder gar erfordern.

    Ein Fliesenleger oder Stahlkocher oder Kokser darf ja in Zukunft auch weiter seine Knochen für die Gesellschaft ruinieren, ohne dass man ihn vor sich selbst schützen würde. Bis er 67 ist. Gerne auch länger. Diese Bevormundung für fremderklärte Vorbilder ist ekelhaft. EPO fürs Abi? Mangels Sportabi selten relevant, aber Ritalin wird doch schon gerne genommen. Koksen für die Karriere geht in Düsseldorf auch ganz gut, wie man hört.

    Ohne Profisport ist der systemimmanente Anreiz, weit über gesundheitsschädliche Grenzen zu gehen weit weniger stark, also halte ich den behaupteten Schutz von Amateursport für Unsinn. Gerade weil dort die Kontrollen völlig abgehen, finden sich dort unter den Übermotivierten bereits heute chemische Endlager ganz abgefahrener Couleur. Frag mal bei wettkampforientierten Amateuren nach – ich kenne einige Stories, wo Bananen nicht das wichtigste Nahrungsmittel waren.

    Sport liefert übrigens genau so viel Werk wie andere Kulturprodukte. Häufig sogar mehr – von welchem Kunstwerk kann man behaupten, eine solche identitätsstiftende Wirkung für die BRD gehabt zu haben, wie die WM 54? Künstlerische Wirkung ergibt sich immer erst aus Interpretation, dafür liefert Sport mindestens so viel Material, wie andere Künste. Künstler stehen voll im Wettbewerb – schau dir mal den Trashtalk unter Autoren an und den Verdrängungswettbewerb um Regalfläche.

    Bottom Line – Freigabe schad nicht mehr, als eh schon passiert und die verknöcherten Funktionäre hätten eine Ebene der selbsterschaffenen Deutungshoheit weniger.

  10. Das ist mir ein bißchen zu viel durcheinander geschmissene Meinung, erz. Worauf willst Du hinaus? Zum Schluss sagst Du ja, dass Du für eine Freigabe von Doping bist, Deine Argumente widersprechen sich aber auch ein wenig, finde ich.

    Ich würde gerne auf ein paar Punkte noch einmal eingehen.

    Ein Fliesenleger oder Stahlkocher oder Kokser darf ja in Zukunft auch weiter seine Knochen für die Gesellschaft ruinieren, ohne dass man ihn vor sich selbst schützen würde. Bis er 67 ist. Gerne auch länger. Diese Bevormundung für fremderklärte Vorbilder ist ekelhaft.

    Was soll der Vergleich? Heißt das, weil manche Berufe gesundheitsgefährdend sind, dürfen Sportler nachweislich schädliche Medikamente, die für andere Zwecke gebaut wurden, einschmeißen? Verstehe ich nicht. Und wenn Du populistisch mit dem Schweißer argumentiert: Es gibt ja sowas wie Arbeitsschutz. Sollte man den denn dann nicht eher in diesen Bereichen konsequenter durchsetzen, anstatt ihn im Sport abzuschaffen?

    EPO fürs Abi? Mangels Sportabi selten relevant, aber Ritalin wird doch schon gerne genommen. Koksen für die Karriere geht in Düsseldorf auch ganz gut, wie man hört.

    Ich hab Sportabi gemacht, Leichtathletik, Basketball, Theorie. Ist ne Weile her (1997), das dürfte aber durchaus noch gehen. Die Normen in LA sind recht knackig. 4 Disziplinen in drei Stunden, je Disziplin maximal 20 Punkte. Die Summe durch 4 ist die Teilnote. Die Forderungen kannst Du Dir hier anschauen. 20 Punkte auf 100 Meter hieß bei uns 11,3 Sekunden. Wenn Du LA mit 15 Punkten gemacht hättest, könntest Du Dich schon fast bei den Zehnkämpfern vorstellen. Wenn Doping freigegeben wird, könnte man leicht auf die Idee kommen: “Ach, ein bißchen Anabolika, bringt 4 Zehntel”, dann kann ich im Herbst Medizin studieren. Natürlich kommt vielleicht auch so jemand auf die Idee, das zu machen. Aber es ist im Moment verdammt verboten. Aber wie willst Du das beim Sportabi oder beim Amateursport ernsthaft ächten und verbieten, wenn Du es auf einem 10% höherem Level, im Leistungssport, erlaubst. Und es gibt vielleicht im Management einige oder viele Kokser, aber auch das ist illegal. Insofern passt der Vergleicht mit den anderen Drogen nicht.

    Ohne Profisport ist der systemimmanente Anreiz, weit über gesundheitsschädliche Grenzen zu gehen weit weniger stark … .

    Richtig. Willst Du als Konsequenz den Profisport verbieten? Du bist halt nie ein Sportprofi ohne vorher Amateur gewesen zu sein.

    Sport liefert übrigens genau so viel Werk wie andere Kulturprodukte. Häufig sogar mehr – von welchem Kunstwerk kann man behaupten, eine solche identitätsstiftende Wirkung für die BRD gehabt zu haben, wie die WM 54? Künstlerische Wirkung ergibt sich immer erst aus Interpretation, dafür liefert Sport mindestens so viel Material, wie andere Künste. Künstler stehen voll im Wettbewerb – schau dir mal den Trashtalk unter Autoren an und den Verdrängungswettbewerb um Regalfläche.

    Nein. Sport kann identitätsstiftend sein, keine Frage, aber die Ausübung eines Sportes oder der Sportwettbewerb ist kein Kunstwerk. Wer wäre denn der Urheber des WM-Sieges 1954? Die Spieler, der Trainer? Oder doch eher die Radioreportage – die tatsächlich nach Urheberrecht ein Werk ist. Sport – insbesondere Fernsehsport – weist in der Inszenierung viele Parallelen zur Kunst auf, genau diese fehlende Botschaft des sportimmanenten Teils ist einer der Unterschiede. Und beim Trashtalk der Autoren geht es vielleicht um den Kampf um die bessere Vermarktung und Verkaufszahlen, aber doch nicht ernsthaft darum, wer die beste Kunst macht.

    Sicherlich gibt es da unterschiedliche Deutungen. Eine Arbeit, die die Gemeinsamkeiten rausarbeitet ist zum Beispiel diese. Die “Sinnlosigkeit” des Sportes verwehrt aber wie gesagt Michi Ballack die Tantiemen und den Urheberschutz für seinen Freistoß gegen Österreich. Wenn Du Nerv hast, kannst Du Dir meinen Standpunkt dazu durchlesen Das geht aber ins Detail und hat mit dem Doping nicht mehr viel zu tun.

    Bottom Line – Freigabe schad nicht mehr, als eh schon passiert …

    Doch. Beispiele, auch nach Deiner Argumentation.

    - Entweder der Profisport wird abgeschafft um die Reize wegzunehmen (Tschüß Fußballbundesliga) oder der Trainer der Jugendmannschaft gibt deinem 12-jährigem Kind einen schönen Cocktail – “Das ist nur was gutes, das nehmen die Profis auch. Da kannst Du voll besser mit rennen” (Entschuldige den Zynismus, aber das hatten wir in der DDR schon)

    - Die Diskussion darüber was Doping ist und was nicht, verlagert sich Richtung, was bringt Dich um und was gerade so nicht. Nicht wirklich besser.

    - Zu den jeweiligen sportimmanenten Faktoren (beim Fußball also Technik, Taktik, Physis, etc.) kommt in jeder Sportart die neue sportimmanente Komponente “pharmazeutische Leistungssteigerung”, gerne garniert mit “Was geht denn in der Gentechnik so” dazu. Du hast also wie im Motorsport in jeder Sportart immer eine Materialschlacht mit drankleben.

    Mir macht das zuviel Angst, als dass ich da die Liberalisierung auch nur als Gedankenspiel durchgehen lassen würde. Lies Dir mal bei Jens Weinreich die Geschichte des Dopings in Deutschland durch. Und nur weil das im Moment nicht gut läuft, heißt das nicht, dass man davor kapitulieren darf.

  11. @robert

    Ich habe nirgends verlangt, Profisport abzuschaffen. Ich habe vielmehr angemerkt, dass der systemische Druck, gesundheitliche Risiken einzugehen, für Amateursportler nicht gilt. Deren Lebensunterhalt und Lebenswirklichkeit hängt nunmal nicht davon ab, der Beste zu sein. Trotzdem betreiben dort manche Raubbau an ihrem Körper, weil ihr individueller Ehrgeiz sie dazu treibt. Sollen sie doch. Ich verbiete dir ja auch nicht das Rauchen. Die meisten Amateure jedoch greifen nicht zu “Doping”, obwohl sie noch nicht einmal Kontrollen und Sanktionen fürchten müssen. Gibt also keine Materialschlacht außerhalb des Profisports.

    Schüler können leistungssteigernde Mittel einwerfen, bis sie platzen. Oder wurdest du nach dem Laufen zur Urinprobe gebeten? Sportabi wurde in vielen Bundesländern abgeschafft, aber Ritalin nehmen heute schon einige Abiturienten. Gehirndoping ist total in. Dass manche Substanzen dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen und andere nicht, hat ja nichts mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Leistungsdruck und “Funktionieren” zu tun. Gerade deswegen finde ich das Moralisieren von sportlichem Leistungsdruck so widerlich. Sportler sollen bessere Menschen sein als der Rest der Gesellschaft? Nur weil einer präzise vor den Ball treten kann hat er besonderen Ansprüchen zu genügen?

    Da wir übrigens unseren Kindern zum Beispiel auch das Rauchen verbieten, kann man mit dem Jugendschutz vortrefflich Kinder vor durchgeknallten Trainern bewahren – die, nebenbei bemerkt, bevorzugt dann zu solch menschenverachtender Methodik greifen, wenn es einen Anreiz dafür gibt. Zum Beispiel von einem korrupten System dafür belohnt zu werden, Medaillenmaterial zu produzieren. Jemand fremdem ohne dessen Einwilligung “legale” Arzneimittel zu verabreichen, ist auch heute schon verboten, daran ändert eine Dopingfreigabe nichts.

  12. Pingback: Bei Risiken und Nebenwirkungen… | catenaccio

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