Hamburger SV, Teil 3

Gedankenfetzen rasen durch mein Hirn. Eine klare Einschätzung der gestrigen “Spitzen-”Partie will mir nicht gelingen. War das jetzt Klasse oder Schmu? Eine taktische Meisterleistung oder Angsthasenfußball? Die Leverkusener waren sich nach dem Spiel zumindestens einig, dass das defensiv sehr gut war. Und stimmt, denn ich, als Pessimist vor dem Herrn, hatte eigentlich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass da etwas anbrennt. Es gab eine hundertprozentige Chance in der zweiten Hälfte des HSV und einen Tumult vor dem Abpfiff, in dem die Werkselfkicker etwas desorientiert aussahen. Das wars. Jegliche Angriffsbemühungen der Hamburger wurden im Keim erstickt. Im Mittelfeld rackerten Rolfes und Vidal und auch auf den Außen halfen Barnetta und Renato Augusto, leider auch zu Lasten der eigenen Offensivbemühungen. In der Abwehr stand besonders Hyypiä im Blickpunkt. Der Finne wurde, sowohl von Hamburger Seite, als auch in den eigenen Reihen als Fixstern heroisiert, der alle Bälle magisch anzog und aus der Gefahrenzone beförderte. Im Ohr habe ich noch die Stimmen, die vor der Saison, Hyypiä als Fehlverpflichtung titulierten.

So gut, wie es hinten lief, so schlecht lief es nach vorne. In den letzten zehn Minuten durfte man kurzzeitig erahnen, zu was Leverkusen in der Lage ist. Schnelles Passspiel aus der Defensive heraus, umschalten und die Stürmer einsetzen. Dabei kam eine Großchance von Kießling zu stande und nach zwei Standards knapp verpasste Tore durch Rolfes und Hyypiä. In der ersten Hälfte blitzte das Potenzial der Mannschaft nur einmal auf, als Barnetta Castro einsetzte, der wiederum den Ball knapp am Kasten vorbei schaufelte. Zu ungenau agierte die Werkself über den Rest der Spielzeit, wenn es darum ging die Spitzen einzusetzen. Renato Augusto wirkte leider arg gehemmt – Heynckes machte den Grund dafür in seiner Wadenverletzung aus, vielleicht hätte der Trainer doch direkt auf Kroos setzen sollen. Wo er doch vor der Partie betont hatte, dass nur 100 Prozent fitte Spieler auflaufen sollen.

Und der Gegner? Klar darf man im Hinterkopf behalten, dass nahezu jeder offensiv begabte Akteur der Hanseaten derzeit ein rotes Kreuz auf dem T-Shirt trägt, aber dennoch war sich auch der Gott der Experte Franz Beckenbauer sicher, dass da hätte mehr kommen müssen. Schließlich wäre es ja ein Heimspiel gewesen und und und. Ich glaube allerdings, dass die HSV-Anhänger insgeheim einfach froh waren einen Punkt mitgenommen zu haben. Ich bin übrigens noch immer der Überzeugung, dass Bruno Labbadia seine Teams gegen derart tief stehende Gegner kein taktisches Konzept mit auf den Weg gibt.

Und jetzt? Jetzt werden beide Teams in den nächsten leichteren Partien wieder mehr Risiko gehen, wieder mehr nach vorne spielen und wahrscheinlich auch wieder eher gewinnen, als es gestern jemals möglich war.

Übrigens macht mir mein Countdown Angst. Nicht, dass schon nach der Hinrunde fessteht, dass wir international spielen. Nur noch 8 Zu-Null-Spiele bis zum internationalen Wettbewerb.

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13 comments » Write a comment

  1. Ich freue mich jedenfalls auf die (korrekterweise erst nach Saisonende) anstehende Frage, ob der mit wenig Enthusiasmus begrüßte Oldie als Trainer nun gut oder schlecht für Leverkusen war. Auch, weil sich einige der damaligen Kommentare zum Thema schon jetzt recht interessant lesen.

  2. Lustiger Weise hat ich den Artikel auch noch mal gelesen, aber wie du schon sagtest – dafür ists noch zu früh.

  3. Bayer ist gestern angetreten mit der Mantra nichts zuzulassen und nicht zu verlieren.
    Auftrag erfuellt.

    PS: Das war sicherlich zuwenig zwingendes Risiko nach vorn.
    PPS: Ob ein Mladen Petric in der 79. Min so versagt haette, wie ein Tonay Torun?
    PPPS: Hyypia ist ein Riesengewinn, aber noch viel erstaunlicher: Manuel Friedrich (der in meinen Augen schwaechste Akteur der letzten Saison aus der Stammelf) ist wahnsinnig stabil und begeht 0 Fehler. Wahnsinn.

  4. Friedrich überzeugt tatsächlich und hat einen tollen kicker-notendurchschnitt. wie stark der einfluss von hyypiä ist, ist spekulation – wenn man sich allerdings das pokalspiel gegen klautern anschaut, bei dem er nicht mit dabei war, könnte man ableiten, dass des finnen einfluss riesig ist.

  5. @Pille
    Wohl nicht.

    Die fehlende Durchschlagskraft vorne liegt vor allem an dem Durchschnittsalter und der Erfahrung. Arslans erstes Bundesligaspiel (19). Torun und Berg sind gerade mal 19 und 23. Gegen den Sami können die nichts machen.

  6. Den Ball in der 79. hätte Adler gehalten. Selbst wenn Castro den nicht mit der Brust so elegant zur Seite boxt. Das meine ich ernst! Was bei Leverkusen gestern schwach war, war das schnelle Umschalten nach vorne. Rolfes hat das schön gesagt, dass da viel zu unsauber gespielt wurde. Viele Fehlpässe etc. Das können sie besser. Dennoch war das Chancenverhältnis ausgeglichen. Ich war am Ende zufrieden, auch weil ich an den Erfolg der Heynckes-Takti glaube, gegen kleine Mannschaften keine Punkte oder sowenig wie möglich liegenlassen und gegen die direkten Mitbewerber im internationelen Wettbewerb zumindest nicht verlieren. Hoffentlich halten das die Kollegen eine ganze Saison durch. Da muss ja das Gesetz der Serie erst noch gebrochen werden.

    Hyppiä ist schon stark. Einfach undheimlich sachlich und abgeklärt, wie er die Situationen antizipiert ist toll. Klar profitiert Friedrich davon. Die Leverkusener Abwehr wirkt insgesamt einfach konzentrierter, selbst in den schwierigen Situationen. Da gibts keinen Aktionismus und keine Hektik.

  7. Da bin ich wohl direkt angesprochen, nachdem ich in zwei zitierten Artikeln (Hyypiä und Heynckes) als erster kommentiert hatte.

    Bei Hyypiä kann ich zu meiner Verteidigung vorbringen, dass ich seine Fähigkeiten nicht in Frage stellte, sondern meine enorme Überraschung zum Ausdruck brachte.

    Bei Heynckes stehe ich, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, als Ahnungsloser da, der ihn allem Anschein nach deutlich unterschätzt hat. Da muss ich dann wohl durch. Ohne meine Meinung zu revidieren.

  8. Ich war am Samstag ziemlich begeistert von der ersten Hälfte von Leverkusen, sehe aber die Partie nach zwei Tagen insgesamt negativer als noch am Samstag abend.

    Man kann vieles auf den angeschlagenen Sturmkader des HSVs schieben, aber nicht die Monotonie des Spielaufbaufs unter Labbadia. Die Mannschaft hat nur einen Plan A und kann nur so. An guten Tagen klappt es, an sehr guten Tagen werden erstklassige Mannschaften mit individueller Klasse weggeputzt, aber an normalen Tagen ist gegen eine kompakte Mannschaft wie Leverkusen nix zu holen. Da fehlt es an Plan B und den hätte es auch nicht mit einem Petric oder Guerrero gegeben, sondern allenfalls mit Alternativen auf den Außenpositionen, nachdem Elia mal wieder eine Auszeit nahm.

    Leverkusens taktische Disziplin in der Defense in der ersten Halbzeit war feiner Fußball und feiner Coaching-Job von Heynckes. Es war einfach klasse wie der Raum in der Leverkusener Hälfte dicht gemacht wurde, mit den Augen vom ballführenden HSV-Spieler ausgehend, nach möglichen Anspielstationen suchen (da war nach vorne und zum Spielfeldinneren nix, nur nach hinten oder außen).

    Aber… gegen immer stupider spielende Hamburger hätte eine richtige Spitzentruppe in der zweiten Halbzeit zugeschlagen. Und mit zunehmenden Abstand zum Spiel am Samstag ist dass der Punkt der mir immer stärker negativ auffällt. Leverkusen hat sich begnügt die Hamburger am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, statt zwei Punkte mehr zu holen.

    Und da frag ich mich, ob in Heynckes nicht doch teilweise noch zuviel vom kleinen Karo vergangener deutscher Bundesligatrainer-Tage steckt oder ob Heynckes und Mannschaft vom “Rache an Labbadia”-Gedanken so abgelenkt waren, dass sie die Chance nicht gesehen haben.

    Beängstigend fand ich die Hybris mit der Heynckes nach dem Spiel bei SKY aufgetreten ist, bei dem es nur so vor Gönnerhaftigkeit des “alten Fußball-Fahrensmann der schon alles gesehen hat”, triefte.

    Der HSV und Labbadia bekamen seine Limits aufgezeigt – Meisterschaft ist völlig illusorisch. Ich hatte zum ersten Mal den Eindruck, dass Leverkusen das Können besitzt, um Meister zu werden. Aber ich hatte auch den Eindruck, dass sie über ihr eigenes Ego stolpern werden.

  9. Taktik A und B bei Labbadia: Ein ganz klares Problem, dass er auch schon in Leverkusen hatte. Spiegelte sich sicherlich auch darin, dass Spiele nicht gedreht wurden. Ganz klar zu sehen, da wurde dann bspws nur nach vorne gepowert und entweder das klappte oder halt nicht.

    Zweite Hälfte und nachlassende Hamburger: Auf jeden Fall hätten die Leverkusener da mehr draus machen können (müssen). Wie das geht, konnte man ja kurz vor Ende nochmal sehen. Aber ich glaube man hatte Angst dann doch noch ein Ding zu fangen. Damit einhergingen diverse Unkonzentriertheiten im Spiel nach vorne.

    Der Rache-Gedanke: Gab es glaub ich nicht. Wäre ein Geschenk gewesen, aber das stand nicht im Vordergrund, würd ich mal behaupten.

    Heynckes, der alles schon gesehen hat: Das wird mit zunehmenden Erfolg schlimmer, würd ich mal behaupten. Potenziert wurde das durch Buddy und Honigumsmalschmierer Beckenbauer im Studio.

    HSV/Leverkusen und die Meisterschaft: HSV nein, Bayer nein. Mal abwarten, wie für den HSV die Hinrunde verläuft und sich die Verletztensituation gestaltet, aber da kommen noch einige Teams aus dem Mittelfeld der Tabelle, die es dem HSV schwer machen werden. Bayer und die Meisterschaft. International ja, aber Meisterschaft… kann ich mir nicht vorstellen. Entscheidend wird, wie man mit Schwächeperioden umgeht. Kommt die Angst wieder zu versagen?

  10. @dogfood Interessanter Beitrag. Und weist du was? Mir geht’s ganz ähnlich. So nach dem Spiel und einen Tag später war alles dufte. Und als es dann gesackt war, habe ich auch gedacht, dass man da mehr investieren hätte müssen. Als ständiger Optimist: Was, wenn es den Spielern genauso geht? Was, wenn sie wirklich gerade dabei sind zu lernen gegen starke Gegner aus einem sicheren und konzentrierten Defensivverhalten richtige Angriffe zu setzen? Das jedenfalls scheint ja Heynckes Plan zu sein. Und es ist ja nicht leicht, so eine Balance zwischen Offensiv-und-Defensiv-Spiel hinzukrigen. Sieht man ja auch gerade bei den Bayern sehr schön, die sich im Bereich Spielkontrolle extrem verbessert haben, aber mit diesem mehr an kontrolle nach vorne noch nichts anzufangen wissen.

    Labbadia: Ich frage mich ja, ob es nicht auch ein bisschen mit seiner Vollgas-Mentalität zusammenhängt, dass ein Hamburger nach dem anderen schlapp macht. Die letzte Saison war bei denen schon extrem Kräfte zehrend. Immer powern geht nicht.

    Meisterschaft: Alles viel zu früh. Aber ja, Leverkusen gehört zu dem Kreis von fünf, sechs Mannschaften, die Meister werden können. Die Tabelle spiegelt das im Moment ja sehr schön wieder. Schalke ist sicherlich die größte Überraschung. Bei Hoffenheim wird man sehen, ob sie dranbleiben und Stuttgart ist eigentlich gut besetzt. Mit Dortmund, Frankfurt, Schalke und den Bayern stehen für Leverkusen gute Gegner an. Frankfurt nur zwei Punkte hinter den Bayern! Gegen die muss man halt was reißen.

  11. @Hattrick:
    Mit der derzeitigen Form/Tabellenposition muesste Bayer eiglt. alle restlichen Heimspiele (BVB, FRA, STU, MGB) gewinnen. Keines dieser Teams besitzt die Klasse von Bayer, hoechstens Stuttgart, aber die haben im Moment ganz andere Probleme…

  12. @Pille Genau so ist das. Wenn die Wörtchen “eigtl.” und “vielleicht” nicht wären. Was mich im Moment sehr positiv stimmt ist die Unaufgeregtheit im Team. Da scheint keine unangebrachte Euphorie zu herrschen. Aber, man steckt ja oft nicht drin. Das kann ja auch täuschen.

  13. Pingback: Hanni und Nanni | catenaccio

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