Bei Risiken und Nebenwirkungen…

Hier fiel ja neulich der folgende Satz des Herrn Krauß, der sich just dieser Tage wieder bestätigte:

“Die Dopingfälle, die es bislang meist im Fußball gab, sind entsprechend hirnrissig: der Appetithemmer von Roland Wohlfarth, Ephedrine, die in den Körper gelangen, weil jemand gegen seinen Husten Wick Medinait genommen hatte oder ein paar Fälle von Leuten, die Wochen vorher mal gekifft hatten oder in einem Raum waren, in dem gekifft wurde. Das sind alles Dopingverstöße, die auch bestraft wurden.”

Warum? Weil Paddy Kenny irgendetwas, aus dem freien Handel, zu sich genommen hat, dass Ephedrin beinhaltet hat. Der Keeper des englischen Zweitligisten Sheffield United muss dies teuer bezahlen, denn der englische Verband sperrte ihn für neun Monate.

“Ein Profisportler hat Sorge dafür zu tragen, dass keine verbotenen Substanzen in seinen Körper gelangen dürfen und er sich über medizinische Produkte, die nicht verschreibungspflichtig sind, zunächst beim Klubarzt informiert”, hieß es in der Stellungnahme der FA. (sid)

Wikipedia informiert übrigens umfassend über den Wirkstoff Ephedrin. Hier die wichtigste Passage:

Da Ephedrin als Grundstoff zur Synthese des verbotenen Betäubungsmittels N-Methylamphetamin (meist als Crystal bzw. Meth (USA) bezeichnet) dient, wird die Abgabe in Deutschland durch das Grundstoffüberwachungsgesetz eingeschränkt.

Aufgrund seiner appetithemmenden und (subjektiv) leistungssteigernden Eigenschaften wird Ephedrin („Ephis“) oft zum Doping eingesetzt, besonders in Kombination mit Coffein und Acetylsalicylsäure (z. B. Aspirin®) (sog. ECA-Stack). Es gehört allerdings zu den Dopingmitteln, die während sportlicher Wettkämpfe verboten sind.[5] Coffein soll das Abhängigkeitspotenzial von Substanzen vom Typ des Ephedrins erhöhen. (Coffein in Verbindung mit Aspirin erhöht möglicherweise die analgetische Wirkung.)

EDIT: Hier wird übrigens ganz schön beschrieben, was das für Folgen für den 31-Jährigen hat. Was so ein Hustensaft ausmachen kann.

Stats, Teil 4

Auch nach dem vierten Spieltag, soll der Blick auf die Zahlen nicht vergessen werden. Stefan Kießling gab auf dem Platz die richtige Antwort auf seine Nichtnominierung für die Nationalelf. Viertes Spiel, viertes Tor und damit von allen Seiten die Bestnoten. Etwas überraschend blüht derweil Manuel Friedrich an der Seite von Sami Hyypiä auf. Der Innenverteidiger stabilisiert immer mehr seine Leistungen und auch ein vermeintliches Eigentor, hielt ihn am Samstag nicht auf, weiter sicher zu spielen und sogar den Ausgleich noch selber zu erzielen. Gonzalo Castro mit der einzigen Note im Viererbereich. Eher ein durchschnittliches Spiel von ihm gegen Bochum.

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Einen absoluten Höchstwert gab es bei den Ballkontakten. Der Schweizer Tranquillo Barnetta erarbeitete sich nicht nur ein Me(h)(e)r an Chancen, sondern war auch Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld. Fast 100 Ballberührungen hatte Barnetta. Nach seinen zwei Toren am letzten Wochenende wieder eine ansprechende Partie, dieses Mal etwas unglücklich ohne Torerfolg. Das mehr über die linke Seite ging, zeigt auch dass Michal Kadlec ebenfalls vorne mit dabei ist. Das Contrapärchen Augusto und Castro auf der Gegenseite mit wesentlich weniger Ballkontakten.

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Eine mehr als positive Bilanz gab es im Spiel gegen Bochum bei den Zweikampfwerten. Es wurden nicht nur viele geführt, sondern auch viele gewonnen. Lag man in der Bundesliga-Statistik dort noch vor dem 4. Spieltag an letzter Stelle, sollte sich das nach dem letzten Match geändert haben. 59 Prozent der Zweikämpfe gingen an Werkselfkicker. Zum Vergleich: Im Schnitt lag man bei den Zweikampfwerten bei knapp 47 Prozent über die Saison gesehen.

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Spieler-der-Saison-Event

Montagabend. Ein Brauhaus am Kölner Hauptbahnhof. Ich bekomme Ausschlag. Seit über einem Jahrzehnt habe ich was mit Medienfuzzis zu tun und nie habe ich mich an so etwas gewöhnen können. Die Geilheit der Medienszene ist wirklich unerträglich. Wichtige Menschen mit supercoolen Brillen reden extralaut über ihre Verhältnisse zur Person X oder Y. Egal. Ich bin eingeladen, nach anfänglichen Mißmut, schlägt das Fußballherz aber in mir einfach zu laut und der Abend wird doch noch ganz passabel.

Die VDV-Spielergewerkschaft und das Fußballmagazin 11 Freunde haben geladen zum Spieler-der-Saison-Event. Es ist eher ein Spieler-der-letzten-Saison-Event, aber darüber sehen wir großzügig hinweg, denn einige der gewählten Akteure, kommen tatsächlich selber, Trainer und Ex-Trainer sind auch da, die üblichen Verdächtigen a.k.a. Calli ebenfalls und 11 Freunde-Chef Köster und Kumpan Zeigler führen ordentlich durchs Programm. Und die Veranstaltung ist schnell, kurzweilig und die Spieler scheinen sich tatsächlich über die Preise zu freuen. Aber seht selbst.

Mit der Technik, also der Schnitt- und Rendertechnik quäle ich mich nach wie vor. Hatte eigentlich schöne Texteinblendungen gebastelt, die die Größe des Videos, aber in astronomische Höhen beförderte. Deshalb keine Infotexte. Noch nicht. Vielleicht bekomme ich das Problem noch in den Griff.

Angst geht um im Bloggerland

Wieder wurde einer abgemahnt. Einer von uns. Ein Aufschrei geht durch die Gemeinde. Es wird gebloggt, es wird getwittert. Ein Zustand wird erreicht, den sonst nur große Katastrophen auslösen. Ist das nicht beeindruckend? Einst flog ein Flugzeug in den Hudson River. Minuten später konnte man überall davon lesen. Zumindestens bei Twitter und in den Blogs. Und so wars auch heute. Nach der Abmahnung. Es wird bekannt gegeben und auf allen meinen Blog- und Twitterkanälen läuft das gleiche Programm.

Ist das nicht alles beängstigend? Müssen wir jetzt überall aufpassen, was wir sagen? Darf ich nicht mehr sagen, dass ich etwas nicht gut finde? Wenn ich jemanden den Stinkefinger zeige, bekomme ich dann eine Anzeige? Muss ich dann gleich tausende von Euro zahlen? Nein, oder? Aber im Netz? Warum? Das macht mir Sorgen. Da bin ich mal ganz egozentrisch für einen Moment.

Und dann auch wieder nicht. Ich kann nur hoffen, dass dem Kollegen Baade alle mögliche Hilfe zuteil wird und er eine ähnliche Hilfe bekommt, wie der werte Herr Weinreich. Bloggt darüber, twittert, diskutiert, gebt es an die Medien weiter. Nutzt eure Kontakte. Nebenbei möchte ich auch nochmal auf das Sportblogger-Netzwerk hinweisen, dass in solchen Fällen, bzw. auch in der Prävention gerne hilft, bzw. versuchen wird zu helfen.

Interview mit Martin Krauß

Auch im zweiten Interview liegt der Schwerpunkt klar beim Thema Doping, aber auch hier wird der Fußball nicht außen vor gelassen. Im Gespräch Martin Krauß, freier Journalist, dessen Texte in der Jüdischen Allgemeinen, im Freitag und in der taz erscheinen. Nebenbei betreibt er das Kraussblog und ist Autor bei Sportswire. Er veröffentlichte zusammen mit Rolf-Günther Schulze das Buch “Wer macht den Sport kaputt? Doping, Kontrolle und Menschenwürde

Herr Krauß, die mediale Gesellschaft ist inzwischen was Doping angeht, so weit geprägt, dass wenn sie einen Radfahrer oder Schwimmer im Fernsehen sieht, sie direkt an unerlaubte Leistungssteigerung denkt. Zu Recht?

Hm, äh, nein. Wenn’s ja nur dazu führte, dass man genauer hinguckte und sich für die Entstehungsbedingungen sportlicher Leistung interessierte, dann wär’s ja zu begrüßen. Aber die Dopingunterstellung funktioniert leider anders: Da sieht man, wie ein Mensch sehr schnell ist, also beispielsweise deutlich unter zehn Sekunden über 100 Meter läuft. Prompt glaubt man nicht mehr, dass es eine menschliche Leistung ist, die man da gesehen hat. Da sorgt der Sport dafür, dass aussortiert wird, wer als Mensch, also als Erbringer menschlicher Leistungen zu gelten hat: Wer bestimmte Blut- und Urinwerte hat, gehört nicht mehr dazu, auch wer beispielsweise seinen Unterschenkel verloren hat wie der südafrikanische Läufer Oscar Pistorius, darf nicht mehr mitmachen, denn: Gesucht wird der schnellste Mensch. Ideologiekritisch betrachtet ist das eine ganz schlimme Geschichte, was sich Sport und Sportöffentlichkeit hier leisten.

Der Eindruck entsteht, dass sich etwas ändern muss. Müssen wir uns ändern oder der Sport? Wie und wo kann man das Übel anpacken?

Das weiß ich nicht. Mir selbst gefällt Sport weiterhin, besonders der große Sport, der Weltklasseleistungen produziert. Und weder das Wissen, dass da Geld bezahlt wird, noch das Wissen, dass da mit Pharmazie oder anderen chemischen Produkten gearbeitet wird, noch das Wissen, dass im Trainingsalltag mitunter politisch sehr unkorrekte Sätze formuliert werden, bringt mich von meiner Liebe zu großem Sport weg. Wer aber sagt, er wolle aus diesem oder jenem oder doch diesem Grund vom Sport nichts mehr wissen, der soll dies für sich so entscheiden. Das ist völlig okay. Wer will, kann ja auch die Rockmusik hassen, weil da Drogen im Spiel sind (habe ich zumindest gerüchteweise gehört).

Gehen wir das ganze doch mal andersherum an. Würden Sie den großen Sport auch immer noch so gerne gucken, wenn Sie wüssten, dass ganz offiziell mit Pharmazie nachgeholfen wird? Wenn das so genannte Doping erlaubt ist? Wäre eine solche Regelung sinnvoll?

Ja, ich würde ihn wohl gucken und lieben, aber mit Problemen. In aller Kürze formuliert: Auf der einen Seite muss man Sportler in gewisser Weise vor sich selbst schützen, also vor den Auswirkungen dessen, was der Konkurrenzkampf ihnen aufzwingt. Man kann es mit den Lkw-Fahrern vergleichen, die vom ökonomischen Konkurrenzdruck dazu gebracht werden, völlig übermüdet durchzufahren und damit sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer gefährden. So wie man die zur Einhaltung ihrer Pausen zwingen muss, muss man Sportler auch dazu zwingen, sich nicht dem konkurrenzvermittelten Zwang zu beugen, alles zu schlucken, was ihre Position in der Sportkonkurrenz verbessern könnte.

Das ist die eine Seite. Die andere ist aber die Antidopingpraxis, und da gibt es eine Reihe sehr prekärer Punkte: Dopingkontrollen sind beispielsweise Urin- oder Bluttests. Urintests werden unter “Sichtkontakt” genommen, d.h. dass der Kontrolleur männlichen Sportlern während des Pinkelns auf den Schwanz glotzt und dass bei Sportlerinnen die Scheide ständig betrachtet wird. Die Hose der Sportlerin muss übers Knie runter gezogen sein, es gab oder gibt meines Wissens auch eine Knie-an-Knie-Vorschrift, dass also die Kontrolleurin ihre Knie an die Knie der Sportlerin drücken muss. Bei der vorletzten Leichtathletik-WM, 2007 in Osaka, wurden die Scheiden der Sportlerinnen mit Spiegeln ausgeleuchtet. Das sind dramatische Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre von Menschen! Nebenbei gesagt liegt gegen die Menschen, die so gedemütigt werden nichts vor, kein Verdacht, kein Indiz. Die müssen sich das bloß deshalb gefallen lassen, weil sie Spitzensportler sind. Und weil es ein von niemandem demokratisch kontrollierter Verband bzw. eine Behörde, das ist mittlerweile die Weltantidopingagentur (Wada) es so ausgetüftelt hat.

Sportler müssen auch, damit die Kontrolleure sie jederzeit zu dieser entwürdigenden Urinierprozedur zwingen können, stets ihren Aufenthaltsort bekanntgeben. Auch das ein dramatischer Eingriff in die Bürgerrechte von Sportlern. Was Bluttests angeht, wird von Sportlern der Verzicht dessen verlangt, worauf man in der europäischen Verfassungsgeschichte sehr stolz ist: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Blutentnahmen, die es sonst gibt – etwa, wenn jemand erwischt wird, wie er besoffen Auto fährt – dürfen nur aufgrund einer gesonderten richterlichen Anordnung und im begründeten Einzelfall erfolgen. Im Sport gelten solche Rücksichtnahmen auf die elementarsten Menschenrechte nichts.

Wenn Sportler entweder überführt werden oder sich weigern, diese Prozedur mit sich machen zu lassen, droht ihnen als Strafe das Verbot der Sportausübung, bei Profis ist das ein Berufsverbot, das von paar Wochen über zwei oder vier Jahre bis hin zu lebenslänglich reichen kann. Dass Berufsverbote verfassungsfeindlich sind (und Ausnahmen, etwa bei Ärzten oder Rechtsanwälten, nur unter strikten Auflagen und genauer Prüfung verhängt werden können), interessiert niemanden. Es ist ja noch nicht mal der Staat, der Berufsverbote verhängt, sondern es sind die Sportverbände.
Und, ein weiterer Punkt, in der Antidopingpraxis wird von Athleten etwas verlangt, was es gar nicht geben kann: Die Rede ist immer von einem sauberen Körper, einer natürlichen Leistung, etwas Reinem, Unberührten. Da wird ein Körperbild propagiert, das mit der Realität weniger zu tun hat als etwa mit den Leibesidealen von Arno Breker oder Leni Riefenstahl. Die hatten sich die (in ihrem Fall: arischen) Menschen immer so vorgestellt, dass diese nackt und rein ihre Überlegenheit gegenüber allem Durchmischten und Durchrassten beweisen. Die Realität aber ist ja, dass Menschen und menschliche Körper vergesellschaftete Produkte sind: Wir essen kein Gras mehr und saufen keine Pfützen mehr leer, sondern wir nehmen Nahrung zu uns, die in gesellschaftlicher Arbeitsteilung produziert wird. Das ist einer von vielen Faktoren, die die evolutionäre Veränderung des Menschen und menschlichen Körpers bewirken. Das zu bestreiten, halte ich im höflichsten Falle für undurchdacht, im unhöflichsten Falle für völkisches Geschwätz.

Es findet sich aber im Sportjournalismus ständig: Nach dem grandiosen 9,58-Sekunden-Weltrekord über 100 Meter von Usain Bolt war wieder in diversen Blättern von “Freakshow” zu lesen. Da wird den Läufern schlicht und einfach ihr Menschsein abgesprochen. Im Blog, den der Kollege Jens Weinreich zur Leichtathletik-WM in Berlin betrieb, schreibt er über die 4-mal-100-Meter-Staffel der Frauen: “Jamaika bleibt eine halbe Sekunde über dem Weltrekord. Deutschland Dritter hinter den Bahamas – in einer Zeit, die ich menschlich nenne: 42,87 Sekunden.”

Das dahinter stehende Gedankengebilde ist offensichtlich: Wirkliche Menschen können nicht so schnell laufen; wer aber doch so schnell läuft, hat sich sich mittels Doping von seiner menschlichen Existenz wegtransformiert.
Weil ich solche und noch paar andere Punkte so schwerwiegend finde, neige ich in der Abwägung eher zur Forderung nach Freigabe – gleichwohl natürlich mit der naiven Hoffnung, dass via Aufklärung keine der klassischen Dopingmittel (Anabolika, Epo etc.) genommen werden. Wenn es eine intelligentere und mit den Menschenrechten verträgliche Lösung gäbe, würde ich das sehr begrüßen und zöge meine Freigabeforderung sofort zurück. Leider wird in diese Richtung bislang nicht mal gedacht.

Während der Leichtathletik-WM stand der Diskuswerfer Robert Harting im Blickpunkt der Medien. Neben äußerst unbedachten Äußerungen in Richtung der DDR-Dopingopfer hatte er zudem noch vor der WM laut über die Dopingfreigabe nachgedacht. Ein Aufschrei folgte, speziell mit dem Hintergrund, dass Hartings Trainer aus dem DDR-Dopingsystem kommt. Nach dem Harting dann Gold gewann, jubelten die meisten nur noch über des Deutschen ersten Platz. Ist eine objektive Berichterstattung noch möglich?

Eine kritische und hintergründige Berichterstattung wäre möglich, gewiss. Aber in der konkreten Konstellation rund um Robert Harting wüsste ich nicht, wie sie aussehen könnte. Harting hat sich ja in der Tat nicht allzu helle geäußert: Das trifft auf seine früheren wie auf seine jüngsten Äußerungen zu. Aber beispielsweise die Kritik an der Einschränkung der Bürgerrechte durch die Antidopingmaßnahmen greift – auch ohne Harting – in immer größerem Umfang um sich. In Belgien haben gerade 65 Sportler eine Sammelklage beim obersten Gericht eingereicht. Vor diesem Hintergrund könnte man vielleicht eher über die Sinnhaftigkeit der Antidopingmaßnahmen sprechen. In Deutschland, so scheint mir, ist die Diskussion sehr verkorkst und könnte ein wenig Niveau gebrauchen – das gilt, wenn man so will, für beide Seiten.

Im Moment ist es so, dass es Doping-Reglementierungen im Sport gibt. Sportler brechen diese Auflagen, aber wenige gehen gegen die Praktiken der Dopingagenturen vor. Müssten sich nicht auch die Sportler in irgendeiner Art und Weise stark machen für vernünftige Anti-Doping-Praktiken oder eine Freigabe? Die Sammelklage der belgischen Sportler ist da nur ein Anfang, oder?

Es gibt zwar immer mehr, aber unterm Strich noch sehr wenige Sportler, die sich wehren. In Deutschland etwa die Mountainbiker Lado und Manuel Fumic, zwei Brüder, die mittlerweile mit slowenischer Lizenz fahren. Sie berichten, dass sie viel Zuspruch von anderen Sportlern erhielten, aber hinter vorgehaltener Hand. Ob das stimmt, weiß ich nicht.
Ansonsten stimmt die in ihrer Frage anklingende Vermutung: Sportler sind in der Zwickmühle. Sie müssen einerseits in dem Klima des Generalverdachts, dem alle ausgesetzt sind, sich ein wenig absetzen, um als glaubwürdige, saubere, sponsorenkompatible und vorbildtaugliche Athleten zu gelten. Andererseits müssen (oder sollten) sie auch ihre Privatsphäre verteidigen – doch das wird schwierig, wenn man auch von der Öffentlichkeit, nicht mal von der linksliberalen, darin unterstützt wird. Für die Freigabe oder gegen die repressiven Antidopingpraxen sprechen sich meist nur Athleten aus sehr kapitalisierten Sportarten aus: etwa die Williams-Schwestern im Tennis oder Bode Miller im alpinen Skisport. In deren Sportarten ist der Einfluss der Verbände, die die Wada tragen, eher niedrig. Und außerdem sind sie dank ihrer Erfolge schwerer angreifbar. Auf der anderen Seite und in weniger kapitalisierten Sportarten, also den klassischen olympischen Disziplinen gibt es sogar Sportler, die dafür plädieren, dass Chips unter die Haut plantiert werden – das fordern etwa die Siebenkämpferin Carolina Klüft und der Hochspringer Stefan Holm. Oder es gibt Sportler, die für unangekündigte Razzien plädieren – so etwa die frühere Schwimmerin Antje Buschschulte. Natürlich gibt es aber auch besonnene – wie etwa der frühere Diskuswerfer Lars Riedel. Er plädiert für intelligentere Kontrollen und macht auch konkrete Vorschläge: dass man etwa mit Haaranalysen operieren solle, wie es in einigen Ländern in der Kriminologie schon selbstverständlich ist. Das würde zwar einige Probleme, wie das Verhängen von Berufsverboten, immer noch bestehen lassen, aber immerhin wären die entwürdigenden und diskriminierenden Eingriffe in die Privatsphäre vorüber. Das wäre ja schon mal eine begrüßenswerte Heranführung des Sports an die Zivilisation.

In diesem Jahr sorgte der Fall Hoffenheim in der Bundesliga für großes Aufsehen. Zwei Spieler kamen zu spät zur Dopingprobe. Nach langem hin und her, wurden die Spieler frei gesprochen und der Verein bekam eine Geldstrafe verpasst. Für viele Menschen ist Fußball ein Sport, in dem Doping keinen Sinn macht. Warum?

Um zu wissen, ob es sportlich sinnvoll wäre, müsste man ja zunächst wissen, was es ist. In der Regel weiß man das gar nicht. Doping ist nicht die Einnahme leistungssteigernder Mittel: Es gibt solche Mittel, die sind erlaubt und solche, die sind verboten. Doping ist auch nicht die Einnahme gesundheitsgefährdender Mittel – auch hier gibt es sone und und sone. Doping ist vielmehr immer nur das, was gerade von der Wada als Doping bezeichnet wird. Die Dopingfälle, die es bislang meist im Fußball gab, sind entsprechend hirnrissig: der Appetithemmer von Roland Wohlfarth, Ephedrine, die in den Körper gelangen, weil jemand gegen seinen Husten Wick Medinait genommen hatte oder ein paar Fälle von Leuten, die Wochen vorher mal gekifft hatten oder in einem Raum waren, in dem gekifft wurde. Das sind alles Dopingverstöße, die auch bestraft wurden.
Ob Doping, verstehen wir es mal anders als die Wada als von Medikamenten unterstützte Leistungssteigerung, im Fußball wirklich sinnvoll ist, weiß ich nicht. Fälle gab es ja: Olympique Marseille oder Juventus Turin. Aber ob da nicht viel psychologische Unterstützung, etwa im Sinne von Placebo-Effekten, im Spiel war, vermag ich nicht zu sagen.

So wie es scheint, sind aber Verbände und auch die Politik daran interessiert diese Dopingfälle möglichst klein zu halten. Auch die Fuentes-Akten sollen ja Fußballer beinhalten, doch erstaunlicherweise wird dem nicht weiter nachgegangen. Auch in den Medien liest fast nicht zu diesem Thema. Wie kommt das?

Es fällt mir schwer zu glauben, ob wirklich Fälle von solch interessierten Kreisen klein gehalten werden oder wurden – was ja ganz nebenbei eine Aussage über die angebliche Macht solcher Kreise, sich gegen die Wahrheit zu verschwören, beinhaltet. Solche Vorstellungen über eine angeblich totalitäre Realität im westlichen Sport und über schlimmste Propaganda- und Verschwörungsoffensiven liest man zwar des Öfteren, noch häufiger schwingen sie implizit mit – aber es bleiben dennoch haltlose Verschwörungstheorien. Von denen halte ich in diesem und auch in anderen Fällen sehr wenig.
Betrachten wir es doch einfach mal andersherum: Es könnte ja auch sein, dass man im Grunde schon mehr über das Thema Doping und Fußball liest, als es von der Sache her begründet ist. Wie gesagt: Das Gros der Fußball-Dopingfälle waren Kiffen, Hustensäfte, verpasste Kontrollen etc. Ich bin fest überzeugt davon, dass Doping viel zu oft und viel zu vereinfachend zur Erklärung von so etwas Komplexem wie sportlicher Leistung benutzt wird.

Vielen Dank für das Interview.

Interview mit Matthias Heitmann

Heute ist Doping-Thementag bei Catenaccio. Der Fußball muss an dieser Stelle ein bisschen kürzer treten, ist aber natürlich auch Thema. Erster Interviewpartner heute: Matthias Heitmann.

Matthias Heitmann (38) ist Chefredakteur Online des Debattenmagazins “NovoArgumente” und schreibt u.a. zu sport-politischen Themen (www.novo-argumente.com). Zudem ist er Freizeitfußballer und Anhänger von Eintracht Frankfurt. In dem 2008 von Rolf-Günther Schulze und Martin Krauss herausgegebenen Buch “Wer macht den Sport kaputt? Doping, Kontrolle und Menschenwürde” veröffentlichte er den Beitrag “Modedroge Moralin”. Seine persönliche Website findet sich hier.

Ich fände es schön, wenn hier viele Meinungen zum Thema Doping(freigabe) aufschlagen.

Herr Heitmann, ganz kurze Einstiegsfrage: Sollten wir den Begriff Doping aus dem sportspezifischen Sprachgebrauch verbannen?

Ja. Nicht einmal diejenigen, die dem “Anti-Doping-Kampf” höchste Bedeutung beimessen, können in einfachen, plausiblen Worten definieren, was “Doping” eigentlich ist und wo (und warum) die Grenze zu akzeptablen Methoden der Leistungssteigerung verläuft. Die Anti-Doping-Kämpfer weichen der Frage systematisch aus. Am systematischsten tun dies die internationalen Anti-Doping-Agenturen: Aufgrund des Fehlens einer klaren Definition behelfen sie sich mit einer Liste, auf der sie die Substanzen und Methoden zur Leistungssteigerung aufführen, die ihrer Meinung nach unter “Doping” fallen. Die Kriterien, nach denen diese Liste zusammengestellt (und kontinuierlich ergänzt) wird, sind äußerst dubios und zudem völlig intransparent. Der Fall Claudia Pechstein offenbart die Absurdität des Kampfes gegen Doping: Pechstein wurde gesperrt, obwohl kein positiver Befund vorlag. Hier findet auf Basis eines wachsweichen, mehr moralischen denn faktischen “Doping-Begriffs” eine willkürliche Kriminalisierung von Sportlern statt. Auch die Sportinteressierten werden so an der Nase herumgeführt. Nicht die Verwendung leistungssteigernder Substanzen und Methoden zerstört den Sport, sondern die moralisch aufgeladene Debatte über die angebliche Verseuchung des Sports.

Das legt den Schluss nahe, dass leistungssteigernde Maßnahmen legalisiert werden müssen. Nach dem Prinzip der Formel 1: Wer genügend forscht und sein Auto dementsprechend schneller macht, trägt das Risiko, wenn er mit 300 km/h vor die Wand fährt? Aber auch in der Formel 1 gibt es Regeln, die den Fortschritt in Bahnen hält. Wie stellen sie sich den Sport ohne den Begriff Doping vor?

Schon immer war das Gros leistungssteigernder Maßnahmen legal – und sogar erwünscht! Nicht zuletzt basiert die komplette Medizin darauf, die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen zu verbessern. Dies hat sie erfolgreich getan: Die Menschen leben gesünder und länger als jemals zuvor in der Geschichte – dank Wissenschaft und Forschung und ihrer gesellschaftlichen Nutzung und Verbreitung.
Das Prinzip, nachdem in der Formel 1 (wie auch in fast allen anderen Sportarten) der sportliche Wettbewerb organisiert wird, basiert darauf, dass für Sportgeräte (Autos, Schlitten, Tennisschläger, Bekleidung etc.) bestimmte Regeln gelten. Ohne sie kann es keinen fairen Wettkampf geben: Sie stellen sicher, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen unter den gleichen Bedingungen bzw. im Rahmen zuvor festgelegter Spielräume miteinander messen. Dass Menschen unterschiedlich stark sind, ist eine Grundvoraussetzung, ohne die ein Wettkampf keinen Sinn macht.
Dass Sportler Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen, um Bestleistungen zu bringen, ist weder neu noch etwas, das sich durch das Verbot bestimmter Substanzen und Methoden aus der Welt schaffen ließe. “Gesundheit” ist im Leistungssport kein Wert an sich, sie steht – auch ohne “Doping” – in vielen Sportarten sogar im Gegensatz zur Höchstleistung. Ein leistungsstarker Sumo-Ringer sieht anders aus als ein leistungsstarker Hochspringer. Wer Höchstleistungssport betreibt, hat für sich die persönliche Entscheidung getroffen, seine Körperkräfte hierfür verbrauchen zu wollen – das ist sein gutes Recht. Um als Individuum diese mit weit reichenden Konsequenzen verbundene Entscheidung bewusster treffen zu können, brauchen wir als Gesellschaft eine vorurteilsfreie, offene und wissenschaftsbasierte Diskussion über leistungssteigernde Substanzen und Methoden und über deren Vor- und Nachteile. Eine solche rationale Auseinandersetzung wird aber in der moralischen Debatte über “Doping” systematisch verhindert.

Also ist es dem Sportler überlassen, ob und wie er sich auf den Wettkampf vorbereitet? Als Regeln gelten nur die des Spiels? Mit Medizin oder ohne – wichtig ist nur, dass eine umfassende Aufklärung über eventuelle medizinische Nebenwirkungen gibt. Oder gibt es eine Grenze? Und wer sollte diese Grenze ziehen?

Immer schon hat es große Unterschiede in der Wettkampfvorbereitung gegeben. Länder wie Deutschland leisten sich ein ausgeklügeltes System zur Förderung des Leistungssports. Wer es in dieses System schafft, hat Möglichkeiten, die einem vergleichbar talentierten Sportler in vielen anderen Ländern nicht zur Verfügung stehen. Dennoch käme wohl niemand ernsthaft auf die Idee, aufgrund dieser nationalen Unterschiede internationale Sportveranstaltungen wegen “unfairer, weil nicht gleicher Wettkampfvorbereitung” abschaffen zu wollen.
Jeder Hochleistungssportler sollte professionelle medizinische Unterstützung haben – allein schon aufgrund der zuweilen gesundheitsbeeinträchtigenden Folgen seines Sports.  Ich persönlich sehe kein Problem darin, wenn ein Sportler mithilfe spezieller Trainings- und Ernährungsmethoden sowie sonstiger Substanzen seine physische Leistungsfähigkeit steigert. Womit ich allerdings ein Problem habe, ist die moralische Verurteilung des Leistungsstrebens an und für sich – dies ist tatsächlich ein gesellschaftliches Problem.
Ich sehe den Sport als einen der wenigen Bereiche an, in denen Menschen heute den Raum haben, großartige Leistungen zu vollbringen, über sich hinaus zu wachsen, angebliche Grenzen zu überwinden und zu neuen Horizonten aufzubrechen – und dafür zu Recht von vielen verehrt werden. Gerade deshalb ist der Doping-Diskurs für mich als politischer Journalist von großer Bedeutung: Er vereint sehr viele Zeitgeisttrends, die ich kritisiere: die Skepsis gegenüber Medizin und Wissenschaft, die moralische Kritik am Leistungsstreben, am Besser-werden-wollen, das Ganze verpackt in ein ängstliches Sicherheitsdenken und in eine antimoderne romantische Vorstellung vom natürlichen Leben und natürlichen Sport. Diese Trends sind weitaus gefährlicher für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft als alle “Doping”-Substanzen zusammen.

Was für Folgen sehen sie denn für unsere Gesellschaft?

Dass Gesellschaften zuweilen stagnieren oder Krisen durchleben, ist der Lauf der Dinge. Und Krisen tragen auch immer den Kern des Neuen in sich – vorausgesetzt, es werden die richtigen Schlüsse gezogen. Wenn wir aber grundlegend am “Besser-werden-wollen” zweifeln, es ausschließen oder sogar als die eigentliche Ursache der Krise ansehen, berauben wir uns unseren Antriebs und unseres Selbstbewusstseins, die Dinge verändern zu können –  oder auch nur ernsthaft darüber nachzudenken. Gerade das Nachdenken und Hinterfragen wird in einer ängstlichen und orientierungslosen Gesellschaft gerne unterbunden, z.B. durch die Postulierung unantastbarer Werte und Moralvorstellungen, die Sicherheit und Kontinuität mit den Zeiten, in denen angeblich “alles besser” war, vorgaukeln.

Ein gern gehörtes Argument, dass natürlich auch aus dem moralischen Bereich kommt, ist dass der Vorbildfunktion für unsere Kinder. Dürfen auch Kinder und Jugendliche schon in Kontakt mit leistungsfördernden Mitteln kommen? Wie lässt sich die Moral aus diesem Bereich ziehen?

Das beste Vorbild für Kinder sind Erwachsene, die bewusste, wohlinformierte Entscheidungen für sich (und ihre Kinder) treffen, zu diesen Entscheidungen stehen und die Konsequenzen tragen. Sportler sind Vorbilder in Bezug auf Willensstärke und Hartnäckigkeit – nicht bezüglich einer gesunden Lebensweise oder ihrer persönlichen Einstellungen. Der Sport sollte aufhören zu glauben, er könne gesellschaftliche Probleme lösen. Diese moralische Überfrachtung, Politisierung und Moralisierung zerstört den Sport – die Doping-Debatte ist das beste Beispiel dafür.

Was können denn die Sportler tun? Ein Robert Harting sprach von Freigabe, setzte sich jedoch in die Nesseln. Belgische Sportler kämpfen derzeit um mehr Rechte, in Bezug auf die ständige Anwesenheitspflicht für die Dopingkontrolleure. Aber sonst? Machen nicht die Sportler eigentlich zu wenig, um das Thema vernünftig zu diskutieren?

Ich finde es positiv, dass mehr und mehr Sportler die Regularien auch öffentlich kritisieren, wenngleich manchmal mit unausgegorenen Argumenten und etwas halbherzig. Harting war beileibe nicht der erste Sportler, der die Freigabe gefordert oder zumindest das sich aus der Dopinghetze ergebende Kontrollsystem für Leistungssportler kritisiert hat. So sagt auch der frühere Diskus-Olympiasieger Lars Riedel, dass das System gegen die Menschenwürde verstoße. Verteidiger des Systems argumentieren, der Zweck heilige die Mittel. Ich würde die Gegenfrage stellen: Wenn es lediglich “unheilige” und unmenschliche Mittel zum Erreichen des Zwecks gibt, sollten wir dann nicht beginnen, einmal ernsthaft über den Zweckzu diskutieren?

Sie haben es in Bezug auf die Dopingdiskussion bereits angesprochen. Eine wirklich objektive Berichterstattung ist in diesem Bereich kaum noch möglich. Gibt es überhaupt noch eine unabhängige, objektive Kommentierung des Sports? Ist das überhaupt sinnvoll oder benötigen wir das?

Ich würde mir wünschen, dass Sportkommentatoren sich wieder stärker auf das konzentrieren, was sie am besten können: das Kommentieren von Sport! Die inhaltliche Überfrachtung des Sports hat dazu geführt, dass hier immer mehr über andere Themen gesprochen wird. Bei mir führt das dazu, dass ich immer häufiger bei Sportübertragungen am liebsten den Ton ausschalten würde.

Herr Heitmann, sie beschäftigen sich in ihren Texten auch immer wieder mit dem Fußball. Wie sieht ein Eintracht-Frankfurt-Fan derzeit die deutsche Bundesliga?

Nach der letzten Saison der Eintracht in erster Linie als Geschenk – ich kann mich nicht erinnern, dass jemals zuvor ein Verein mit 33 Punkten die Klasse halten konnte. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir in dieser Saison eine bessere Rolle spielen, der Auftakt lässt jedenfalls hoffen. A propos hoffen: Ich bin gespannt, wie sich Hoffenheim im zweiten Bundesligajahr schlägt. Mainz 05 wird wohl kein zweites Bundesligajahr erleben. Ansonsten werden die Bayern auch in diesem Jahr nicht absteigen, und der HSV wird wieder nicht deutscher Meister.

Entdecken Sie eine Veränderung in der Liga? Eine Dominanz der Bayern, wie die Jahre zuvor scheint es nicht mehr zu geben. Finanzstarke Investoren spielen sich in Wolfsburg und Hoffenheim in den Vordergrund. Eine positive Entwicklung für eine ausgeglichene Liga?

Ich sehe in der Kommerzialisierung des Sports in erster Linie Vorteile. Die Zeiten des altertümlichen Mäzenatentums sind zum Glück vorbei, Fußballvereine haben sich zu mittelständischen Unternehmen entwickelt, wenngleich sie gerade in ihrer Öffentlichkeitsarbeit zum Teil noch arbeiten wie klassische Sportvereine. Wenn man bedenkt, dass heute Bundesligisten eine größere Medienpräsenz als die meisten DAX-Unternehmen haben , sind ihre PR-Strukturen zum Teil doch noch stark unterentwickelt. Auch in Bezug auf die Markenbildung sind Fußballvereine noch verbesserungsfähig: Es gibt nur wenige Vereine, die ein so stabiles Öffentlichkeitsprofil besitzen, das auch in sportlichen Krisenzeiten positive Identifikation befördert. Die Entwicklung der englischen Premier League ist ein Paradebeispiel für den Erfolg der Kommerzialisierung des Fußballs: In den 80er-Jahren war die englische Liga so gut wie tot, heute ist sie die beste der Welt. Wer Liga-Fußball auf hohem Niveau sehen will, muss die Kommerzialisierung begrüßen, auch wenn das zur Folge hat, dass die Liga nicht sehr ausgeglichen ist. Man sollte nicht den Fehler machen und denken, dass “vor” der Kommerzialisierung alles besser und ausgeglichener war. Erst kürzlich habe ich mir mal wieder das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach aus dem Jahr 1959 angesehen. Vergleicht man dies mit dem heutigen Fußball, so war das damals Sport in Zeitlupe.

Eine rein rationale Begründung, die den Fußballfan sicherlich kaum interessiert. Für diese Gruppe ist Tradition beispielsweise ein zentraler Begriff – da dürften sie nicht von Hoffenheim und Rasenball Leipzig anfangen, auf der anderen Seite würde sich wahrscheinlich niemand in Dortmund oder Bremen mockieren, sollte ein finanzkräftiger Investor Christiano Ronaldo fürs Team einkaufen. Ein Widerspruch?

Es gibt nicht “den Fußballfan”. Große Teile derer, die sich so nennen, würden zu Hause bleiben, wenn der eigene Club erst einmal in die vierte Liga abgestiegen ist. Die Traditionalisten, die sich grundsätzlich gegen die Verpflichtung erstklassiger Spieler wenden, sind eindeutig in der Minderheit – auch in der Fankurve.

Vielen Dank für das Interview.